Causa Tönnies: Das System Fußball beschützt sich selbst


Die Rassismus-Diskussion um Clemens Tönnies hat am Dienstag neue Nahrung erhalten. In Düsseldorf bei der Rheinischen Post trafen mit Simon Rolfes, Max Eberl, Friedhelm Funkel und Armin Veh die vier Macher der vier rheinischen Rivalen aufeinander. Angesprochen auf Tönnies, sprangen sie dem Aufsichtsratsvorsitzenden des FC Schalke 04 nach dessen rassistischer Äußerung Anfang August zur Seite. Die Wendung, Tönnies nun als Opfer zu inszenieren, ist ein typischer Reflex des geschlossenen Systems Fußball.

Ein Kommentar von Marc L. Merten

Der Satz, den Clemens Tönnies Anfang August während einer Rede von sich gegeben hatte, ist inzwischen hinlänglich bekannt. Den Klimawandel solle man mit der Finanzierung von Kraftwerken in Afrika bekämpfen, denn „dann würden die Afrikaner aufhören Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, Kinder zu produzieren“. Dieser Aussage war ein Aufschrei gefolgt, eine schriftliche Entschuldigung Tönnies‘ auf der Klub-Website sowie ein dreimonatiges Ruhen seiner Tätigkeit in Gelsenkirchen, nachdem der Ehrenrat von S04 erklärt hatte, der Vorwurf des Rassismus sei unbegründet.

Dieser Vorgang hatte bekanntermaßen mehrere Probleme. Erstens kann eine Aussage sehr wohl rassistisch sein, obwohl die Person, die sie tätigt, kein Rassist ist. Zweifelsohne triefte Tönnies‘ Aussage vor Rassismus. Zweitens umfasste Tönnies‘ schriftliche Entschuldigung gerade einmal drei Zeilen, in denen er sich „explizit bei euch, den Fans, Mitgliedern und Freunden des FC Schalke 04“, entschuldigte. Was er nicht tat: Er entschuldigte sich nicht, mit keinem Wort, bei den Menschen, die er beleidigt hatte. Was praktisch einer weiteren Beleidigung gleich kam. Drittens zeigten der Ehrenrat sowie der Aufsichtsratschef selbst, welches Verständnis sie von „Verantwortung übernehmen“ haben: keines.

Funkels wirrer Samurai-Schwert-Vergleich

Sie setzten wohl auch darauf, dass in der Folge die Diskussion umgedreht werden würde – insofern, als dass man Tönnies plötzlich als Opfer einer „Hetzjagd“ inszenierte, wie S04-Sportvorstand Jochen Schneider es nannte. „Unsere Gesellschaft funktioniert so, dass sich ein Mensch entschuldigen kann und es danach weiter geht“, hatte Schneider erklärt. Und damit eine für das System Fußball typische Gegenreaktion in Gang gesetzt. Diese wurde denn auch am Dienstag in Düsseldorf weitergeführt. Friedhelm Funkel beispielsweise betonte zwar: „Clemens hat eine Aussage getätigt, die nicht geht. Er hat sich in der Wortwahl vergriffen.“ Dann folgte jedoch: „Was jetzt mit ihm gemacht wird, halte ich nicht für in Ordnung. Er wird ja regelrecht geschlachtet.“ Und schließlich verwirrte Funkel mit einem seltsamen Vergleich: „Es bringen Leute mit einem Samurai-Schwert Menschen um. Da wird zwei Tage drüber berichtet, dann ist es vergessen. Wir müssen alle ein bisschen runterkommen.“

Auch Armin Veh, Sportchef des 1. FC Köln, wagte keine klare Verurteilung des Gesagten. „Er hat etwas gesagt, was man nicht sagen soll. So etwas sagt man nicht und das weiß er“, sagte Veh zwar, schob dann aber ähnlich wie Funkel hinterher: „Wenn ein Satz sein ganzes Leben kaputt macht und er nicht mehr auftreten kann, dann ist das maßlos übertrieben.“ Dabei vergaßen Funkel und Veh beide offenbar genauso wie Schneider, dass Tönnies‘ Entschuldigung bis heute unzureichend und die Bewertung des Ehrenrates ein mindestens ebenso großer Skandal sind. Doch dass weder Funkel noch Veh als Nestbeschmutzer auftreten wollten, passt zum besagten System Fußball. Ein Umstand, den man in der Vergangenheit immer wieder beobachten konnte.

Nur Fußballer dürfen im Fußball ran

Als der Spiegel die Affäre um die WM 2006 lostrat und Franz Beckenbauer ins Abseits stellte, eilten diesem diverse Sportfunktionäre zur Seite. Auch sein getreuer Freund und SportBild-Chefredakteur Alfred Draxler war zur Stelle und schrieb in einem der sportjournalistisch wohl denkwürdigsten „So war es wirklich“-Artikel, er habe eine „Intensiv-Recherche“ durchgeführt, um Beckenbauer von allen Vorwürfen freizusprechen. Der Gegenstand dieser Recherche bestand offenbar darin, mit den Beschuldigten selbst zu sprechen. Draxler ging davon aus, dass sie ihm, ihrem langjährigen Journalisten-Freund, nichts als die Wahrheit berichten würden. Nun, Jahre später, überraschte es nicht, dass sich Draxler erneut aufschwang, einen seiner Kumpel reinzuwaschen. „Mich irritiert dabei allerdings, dass seine Entschuldigung trotzdem kaum zur Kenntnis genommen und erst recht nicht – auch nur im Ansatz – akzeptiert wurde“, schrieb Draxler, der es offenbar ebenfalls nicht für nötig hält, sich in einer Entschuldigung vor allem an jene zu richten, die man beleidigt hat. Immerhin forderte er noch: „Tönnies muss seine Entschuldigung durch Taten untermauern.“

Doch was sagt die Wendung in der Diskussion, Tönnies nun als Opfer der öffentlichen Diskussion hinzustellen, über den Fußball aus? Es scheinen einmal mehr Reflexe einzusetzen, die man schon in der Vergangenheit beobachten konnte. Nicht nur bei der Diskussion um Franz Beckenbauer und der WM 2006, sondern immer wieder, wenn eine Diskussion das geschlossene System Fußball bedrohte. Eine banale wie vielsagende Diskussion war jene, als Bundestrainer Jürgen Klinsmann mit Bernhard Peters einen der erfolgreichsten Trainer der deutschen Hockey-Geschichte in den Fußball holen wollte. Schnell waren die Fußballer, Funktionäre und ihre Vasallen zustelle, die Peters zu einem Sporttrainer zweiter Klasse herabwürdigten und erklärten: Nur Fußballer könnten Fußballer trainieren, nur Fußballer könnten Fußballvereine managen, nur Fußballer hätten Ahnung von Fußball. Ein System beschützt sich selbst.

Verantwortung zu tragen bedeutet heute nichts mehr

Dass man sich in einem solchen System gegenseitig nicht in den Rücken fallen darf, versteht sich dabei von selbst. Tönnies wurde freilich nicht vernichtet oder zur Schlachtbank geführt, wie Funkel vermutete. Es wurde lediglich erwartet, dass ein 63-jähriger Unternehmer und Aufsichtsrat sich seiner Verantwortung bewusst ist und dieser gerecht wird, indem er seinen Fehler eingesteht, sich ehrlich und vollumfänglich entschuldigt und sein Amt niederlegt. Doch Verantwortung zu tragen bedeutet heute schon längst nichts mehr. Ob Politiker, Wirtschaftsbosse oder Sportfunktionäre – Rücktritte nach Fehltritten sind die Ausnahme geworden. Das Klammern an Macht, Geld und Ruhm ist dagegen die Regel. Tönnies nun zum Opfer zu stilisieren, verdreht die Tatsachen. Fakt ist: Der Schalke-Boss hat bis heute nicht die volle Verantwortung für seine rassistischen Worte übernommen. Er mag kein Rassist sein. Doch auch er hat mit seiner Äußerung und seinem anschließenden Weigern, die Konsequenzen zu ziehen, dazu beigetragen, dass einmal mehr in der heutigen Gesellschaft ein rassistischer Vorfall ohne ernsthafte Folgen bleibt.

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