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Beierlorzers Fehler – und wofür ihn keine Schuld trifft


Noch ist Achim Beierlorzer im Amt. Zumindest verkündete der 1. FC Köln am Montagabend nach den Gremien-Sitzungen nichts Gegenteiliges mehr. Man tagte bis in die Abend hinein. Doch ob am Dienstag eine Entscheidung fällt, ist aufgrund der schwierigen Machtverhältnisse im Klub nicht sicher. In jedem Fall wurde am Montag aber ausführlich diskutiert, warum die Zukunft des Wunschtrainers von Sportchef Armin Veh überhaupt auf der Kippe steht.

Köln – Welche Fehler haben Achim Beierlorzer beim 1. FC Köln an den Rande seiner Entlassung gebracht? Welche äußeren Umstände, denen er ausgeliefert war, kosten ihn möglicherweise den Job? Der Franke ist der Gegenentwurf zu Markus Anfang, offen, optimistisch, gewinnend: Doch die Spieler verweigerten ihm bislang die Gefolgschaft und machten neben ihren eigenen Unzulänglichkeiten auch die Probleme des Trainers offensichtlich.

Das sind Beierlorzers Probleme

Mangelnde Erfahrung: Beierlorzer entfachte in der Vorbereitung eine Begeisterung für den FC, wie man sie sich anderthalb Jahre herbeigesehnt hatte. Man nahm dem 51-Jährigen die Vorfreude auf die Bundesliga ab, sie war greifbar. Das täuschte jedoch darüber hinweg, dass diese Begeisterung auch aus Beierlorzers eigener Freude herrührte, die in seiner Unerfahrenheit begründet lag. Der FC-Coach konnte selbst die Bundesliga kaum erwarten, hatte er sie doch als Trainer noch nie erlebt. So wirkte er bislang jedoch selbst mitunter wie ein Bundesliga-Lehrling und nicht wie der Lehrmeister, den die Spieler gebraucht hätten. Der Unterschied am Sonntag zu Trainer-Fuchs Friedhelm Funkel hätte nicht größer sein können.

Taktischer Stillstand: Von Beierlorzers laufintensivem, aktivem Spiel mit überfallartigen Angriffen, stabiler Defensive und schnellem Passspiel war beim FC bislang praktisch nie etwas zu sehen. Hin und wieder konnte man erahnen, wie der FC unter Beierlorzer eigentlich spielen will. Zu selten jedoch gelang es den Geissböcken in immerhin zwölf Pflichtspielen, die taktischen Vorgaben umzusetzen. Die Entwicklung, der Fortschritt, der Weg, den Beierlorzer und Sportchef Armin Veh immer wieder beschworen, verlor sich im Nebel des Misserfolgs. Die Spieler scheiterten regelmäßig an der Spielidee ihres Trainers, und daran droht nun auch der Trainer zu scheitern.

Fehlende Härte: Achim Beierlorzer ist ein Gegenentwurf zu Markus Anfang. Die Entfremdung, die zwischen Anfang und dem Team in der vergangenen Saison stattgefunden hatte, sollte unter Beierlorzer verschwinden. Beierlorzer, der Optimist, der immer das Beste in den Spielern sieht, wird für seine Offenheit und seine positive Art überall geschätzt. Ein Spieler sagte am Ende der Vorbereitung: „Wer mit diesem Trainerteam nicht klar kommt, kommt mit keinem Trainerteam klar.“ Doch die Spieler nutzten die Nettigkeit des FC-Coaches in den letzten Wochen immer wieder aus, sie verrieten damit ihren Trainer. Wenn die Spieler ihre Arbeit verweigerten – wie in Saarbrücken -, gab es jedoch keine Konsequenzen. „Ein Abstrafen meiner Spieler wird es bei mir nicht geben“, sagte Beierlorzer. Aber genau das war das Problem. Die Spieler mussten keine echten Konsequenzen befürchten. Härteres Training? Gestrichene freie Tage? Kurz-Trainingslager? Verbannung auf die Tribüne? Fehlanzeige!

Womit wir bei jenen Problemen wären, für die Beierlorzer nichts kann.

Dafür kann Beierlorzer nichts

Alte Seilschaften: Armin Veh hat es verpasst, in den Transferperioden der letzten anderthalb Jahre einen klaren Schnitt zu vollziehen. Zwar blieb im Laufe der Zeit nur noch ein Drittel der Profis aus der Abstiegssaison. Der Kern der Wortführer ist aber bis heute beisammen geblieben: Horn, Kessler, Hector, Höger, Risse, Modeste – sie haben noch immer das Sagen in der Kabine. Darüber hinaus lag Veh mit diversen Transfers daneben, insbesondere in der Zweitliga-Saison. Der kicker formulierte es am Montag treffend: „Spieler müssen aus dem Kader entfernt werden, die ihm möglicherweise vor allen Dingen deshalb angehören, weil sie früher mal besser Fußball gespielt haben oder man schlicht einem Irrtum unterlag, als man sie (weiter) verpflichtete“. Aktuell ist von einer verschworenen Gemeinschaft, wie sie im Abstiegskampf so dringend nötig ist, nichts zu spüren.

Formschwäche: Stattdessen schwächeln diverse Stars und vermeintliche Leistungsträger seit Wochen oder Monaten. Zwar ist es die Aufgabe eines Trainerteams, jeden Spieler besser zu machen und in Topform zu bringen. Jeder Profi steht dabei aber auch in der Selbstverantwortung, im Training wie im Spiel. Schülerhafte Fehler reihten sich in den letzten Wochen aneinander. Gegentore wie in Mainz, Saarbrücken und Düsseldorf sah man schon zuvor immer wieder. Eine Lernkurve bei den Spielern ist kaum zu erkennen, vielmehr bei einigen Profis eine Art Lustlosigkeit, die man auch mit Bequemlichkeit verwechseln könnte. So mancher Spieler schien es nicht für nötig zu erachten, auf dem Spielfeld seine ganze Energie dem Team zu widmen. Beierlorzer selbst offenbarte die Absurdität des Ganzen, als er vor dem Schalke-Spiel davon sprach, dass man die fehlende Laufbereitschaft nun schon „seit drei Wochen“ moniere. Eine Reaktion folgte erst nach wochenlanger Verweigerungshaltung der Spieler.

Mangelnde Erfahrung: Nebst der fehlenden Erfahrung des Trainers erwies sich zum Saisonstart auch die fehlende Bundesliga-Erfahrung der Mannschaft als ein großes Problem. Gegen Düsseldorf offenbarte sich dies, als acht von elf Startelf-Spielern beim FC erst seit dieser Saison in Deutschlands oberster Liga spielen. Hatte Veh vor der Zweitliga-Saison noch vornehmlich Spieler verpflichtet, die wussten, was es heißt, in der Zweiten Liga zu spielen, verzichtete er in diesem Sommer gänzlich auf Transfers Bundesliga-erfahrener Profis. Stattdessen müssen sich die Neuzugänge und auch einige jener Spieler, die in der letzten Saison hinzukamen, erst daran gewöhnen, in der Bundesliga zu spielen. Mangelnde Erfahrung kann freilich häufig durch maximalen Einsatz ausgeglichen werden. Doch damit wären wir wieder bei dem Problem der Form- und Laufschwäche so mancher Spieler.

Fazit

Achim Beierlorzer ist als Fußballtrainer ein Fachmann. Sonst hätte Armin Veh, selbst in dieser Disziplin unwidersprochen anerkannt, den Franken nie verpflichtet. Darüber hinaus ruhten vor allem menschlich die Hoffnungen auf dem sympathischen 51-Jährigen, dessen Optimismus nicht aufgesetzt daher kommt, sondern Quell seiner Lebensenergie und in seiner persönlichen Geschichte verwurzelt ist. Beierlorzer hätte zu Köln passen können. Dafür hätte er aber schon 2018 die Chance bekommen müssen zum FC zu wechseln, um sich über die Zweite Liga an den Klub und die Spieler zu gewöhnen.

Doch Beierlorzer kam erst 2019 und muss ausbaden, dass der FC ein verlorenes Zweitliga-Jahr hinter sich hat, ohne einen perspektivischen Neuaufbau, ohne eine neue Bindung zwischen Team und Trainer, ohne eine echte Euphorie in Folge des Aufstiegs, ohne eine neue Hierarchie oder eine neue Struktur. Nach dem Abstieg verpasste Sportchef Veh den verunfallten Geissböcken keine Generalüberholung inklusive neuem Motor, sondern lediglich eine neue Karosserie. Der Kader ist ein Flickenteppich diverser Transferperioden, zweier Manager, mehrerer Trainer und diverser Spielideen. Es hätte wohl eines Bundesliga-erfahrenen Trainers der Marke Dieter Hecking bedurft, diese Probleme zu überwinden und den FC zu stabilisieren. Beierlorzer scheint mit dieser Aufgabe überfordert. Seine alleinige Schuld ist dies jedoch beileibe nicht.

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