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Skepsis oder Aufbruch? Heldt und Gisdol sollen den FC retten


Der 1. FC Köln wollte einen professionellen Auswahlprozess für die Positionen des Geschäftsführers Sport und des Cheftrainers durchlaufen. Was in der Tat so begann, kommt nach der Bekanntgabe der Entscheidungen als Panikreaktion daher. Dafür können jene nichts, die nun das Zepter beim FC übernehmen. Doch die handelnden Personen müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, in letzter Konsequenz doch wieder einer schnellen Lösung nachgelaufen zu sein.

Köln – Als Werner Wolf dem Kölner Stadt-Anzeiger und dem Express ein Interview gab, das am Samstag und damit nur zwei Tage vor Bekanntgabe der Personalien Heldt und Gisdol erschien, klang alles nach einem noch länger andauernden Verfahren auf der Suche nach einem neuen Sportchef. „Es ist wichtig, die Ruhe zu bewahren. Wir sind nicht der Meinung, dass wir uns in einer Notlage befinden“, sagte der FC-Präsident. Und weiter: „Qualität geht bei der Suche klar vor Geschwindigkeit. Wir haben hier keinen übermäßigen Zeitdruck.“

Dieses Interview hatte Wolf gegeben, nachdem es einen mehrtätigen Prozess der Gespräche gegeben hatte. Gespräche des Vorstands, des Gemeinsamen Ausschusses, des Mitgliederrates und der KGaA-Führung (Wehrle und Aehlig) mit den jeweiligen Kandidaten für den Posten des Geschäftsführers Sport. Ein Prozess, der durchaus den professionellen Ansprüchen des Vorstands um Wolf entsprochen hatte. Eine Personalberatung hatte diverse Kandidaten kontaktiert, Vorgespräche geführt, Referenzen eingeholt, die bisherigen Leistungen der potentiellen Sportchefs bewertet, mit ehemaligen Weggefährten gesprochen und Einschätzungen abgegeben. Anschließend hatten sich die Kandidaten in mehreren Interviews mit den einzelnen Verantwortlichen des FC auseinandersetzen müssen. Ein Vorgang, den Wolf als erfahrener Unternehmer schon viele hundert Mal durchlaufen hat und den er nun, wie er am Montag bestätigte, auch dieses Mal für den FC ausgewählt hatte. Im Übrigen nicht zum ersten Mal, schließlich wurde auch einst Alexander Wehrle von Wolf über einen Personalberater zum FC geholt.

Votum erst gegen Heldt – wie kam es zur Wende?

Nun ging es um die andere Position in der Geschäftsführung, jener für den Bereich Sport. Auch Horst Heldt stellte sich in diesen Tagen zwischen Montag und Donnerstag der vergangenen Woche den FC-Gremien vor. Doch als sich dann der Gemeinsame Ausschuss am Mittwoch abstimmte, gab es keine Mehrheit für Heldt. Mindestens vier der sieben Mitglieder konnten sich nach GBK-Informationen nicht für den 49-Jährigen als neuen Sportchef durchringen. Vier Tage später aber, am Sonntag, nachdem bereits durchgesickert war, dass Heldt die nötige Mehrheit fehle, bekam er die Stimmen dann doch noch. Die kritischen Stimmen im Klub mussten sich zurücknehmen und der neuen Mehrheit beugen. Wie diese allerdings doch noch zustande gekommen war, ließ sich am Tag der Verkündung nur spekulieren. Offenbar hatten Alexander Wehrle und Frank Aehlig in weiteren Gesprächen mit dem Vorstand auf eine zügige Entscheidung gedrängt und sich klar für Heldt ausgesprochen. Nach Wolfs Interview-Aussagen vom Samstag hatte zwar nichts darauf hingedeutet, dass es doch noch auf Heldt hinauslaufen könnte. Doch die Schnelllebigkeit des Fußballs ergriff in diesem Moment wohl auch die neue FC-Führung und die Vorgabe, die Ruhe zu bewahren, war dahin.

So war am Montag am Geißbockheim das Gefühl greifbar, dass eine Art Panikreaktion dazu geführt haben könnte, sich doch noch zu Heldt durchzuringen, nachdem die Gremien den 49-Jährigen zuvor durchaus kritisch betrachtet hatten. Dazu passte, dass auch die Personalie des neuen Trainers nicht wie die Ideallösung daher kam. Alexander Wehrle und Frank Aehlig hatten sich bekanntlich selbst dem Zeitdruck ausgesetzt, bis Montag einen neuen Trainer präsentieren zu wollen. Nach den Absagen von Bruno Labbadia und Pal Dardai waren am Wochenende die Gespräche mit dem dritten Kandidaten forciert worden, den Aehlig als Option ins Auge gefasst hatte: Markus Gisdol, zwar seit 22 Monaten arbeitslos, dafür aber zweimalig (mit Hoffenheim und Hamburg) erfolgreich im Bundesliga-Abstiegskampf. Es fiel wohl letztlich zusammen, was zunächst nicht zusammenpassen wollte: weil Labbadia und Dardai nicht wollten, rückte Gisdol noch stärker in den Fokus – und Heldt (aus Schalker Zeiten mit Gisdol bekannt) plädierte parallel in den Verhandlungen mit dem Vorstand über den Sportchef-Posten ebenfalls für Gisdol.

Gisdol zweimal als Retter erfolgreich

So konnte der FC am Montag doch noch eine Lösung präsentieren, die aus Vereinssicht einen erfahrenen Geschäftsführer Sport gebracht haben soll, der überdies in der Trainerfrage seine Zustimmung gegeben hat. Dieses Szenario hatte bekanntlich Frank Aehlig als „Ideallösung“ im Sinne des Klubs bezeichnet. Ob es am Ende tatsächlich so gelaufen war oder ob nicht vielmehr beide Kandidaten nur kamen, weil sie sofort verfügbar waren, spielt nun keine Rolle mehr. Der FC erhofft sich mit dem Duo eine neue Aufbruchstimmung. Im Umfeld dagegen bleibt Skepsis ob des recht abrupt beendeten Findungsprozesses. Unter dem Strich werden beide Personalien nun sehr kurzfristig beweisen müssen, ob sie die richtige Wahl waren. Denn um etwas anderes als um das Kurzfristige geht es beim 1. FC Köln mit Blick auf diese Saison nicht mehr.

Immerhin: Gisdol kommt mit der Referenz nach Köln, es in der Vergangenheit schon zweimal geschafft zu haben, einen Klub aus einer höchst brenzligen Situation zu befreien. In Hoffenheim übernahm der Fußballlehrer im April 2013 nach 27 Spieltagen die Kraichgauer mit 20 Punkten auf Rang 17 und erreichte dank elf Punkten aus den folgenden sieben Spielen noch den Relegationsplatz, wo dank zweier Siege gegen den 1. FC Kaiserslautern der Klassenerhalt gelang. Zum Hamburger SV kam Gisdol in der Saison 2016/17 bereits nach fünf Spieltagen, als der HSV mit nur einem Punkt auf Rang 16 lag. Die ersten Spiele unter Gisdols Führung verliefen schaurig schlecht mit nur einem Punkt aus den folgenden fünf Duellen. Ab Spieltag elf jedoch drehte der HSV auf und erreicht dank 36 (!) Punkten aus den verbliebenen 24 Spielen mit Rang 14 noch den direkten Klassenerhalt.

Die Skepsis bleibt

Der FC kann sich also zumindest nicht vorwerfen lassen, einen Trainer verpflichtet zu haben, der die aktuelle Situation der Geissböcke nicht realistisch einschätzen kann. Gisdol hat bewiesen, eine solche Lage auch mit einem schwierigen Kader kurzfristig meistern zu können. Ob ihm dies erneut gelingen wird, wird man erst am Ende der Saison wissen. Dann wird sich auch entscheiden, ob der bis 2021 laufende Vertrag tatsächlich Bestand haben wird. Gisdol hat nur für die Bundesliga unterschrieben. Im Abstiegsfall käme es im Sommer 2020 automatisch zur Trennung. Auch das zeigt: Gisdol und der FC – das ist zunächst nur ein Projekt für eine kurze Zeit, verbunden mit einem einzigen Ziel, dem Klassenerhalt.

Mit der öffentlichen Skepsis gegenüber dem 50-Jährigen muss der FC daher leben. Zwar betonte Aehlig am Montag, dass Gisdol von Anfang an auf der kurzen Liste jener Trainer geständen hätte, denen er die Aufgabe beim FC zugetraut hätte. Doch dass Labbadia und Dardai eher wie Wunschkandidaten ausgesehen hätten, weiß wohl auch der Leiter der Kölner Lizenzspielerabteilung. Und weil sich der FC auf der Geschäftsführer-Position nach Jörg Schmadtke und Armin Veh nicht für einen neuen Weg entschied, sondern trotz des aufwendigen Auswahlprozesses am Ende doch wieder einen der bekannten Bundesliga-Gesichter als neuen Manager installierte, blieb am Ende des Tages der Eindruck zurück: Horst Heldt und Markus Gisdol sind zwar die neuen Hoffnungsträger beim FC. Mit Vorschusslorbeeren dürfen sie aber nicht rechnen.

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