,

Der Leistner-Sobiech-Deal: Was er bringt und was nicht


Der 1. FC Köln hat überraschend Toni Leistner für ein halbes Jahr von QPR aus England ausgeliehen und dafür weniger überraschend Lasse Sobiech an Royal Mouscron abgegeben. Der Deal offenbart die Probleme, die der FC zu haben scheint. Sportlich bringt der Neue kurzfristig das rustikal Aggressive mit, das Trainer Markus Gisdol fordert. Ein wichtiges Kriterium erfüllt er jedoch nicht.

Köln – Es war im Sommer 2018, als der damalige Sportchef Armin Veh nach zwei neuen Innenverteidigern für die Zweite Liga Ausschau hielt. Frederik Sörensen wurde nichts mehr zugetraut, Dominique Heintz wollte man nicht mehr. Letzterer hatte mehrere Monate vor dem Abstieg im Frühjahr 2018 signalisiert, er wolle zu einem großen Klub wechseln (Schalke, Leverkusen, Dortmund). Als sich dieser Wechsel jedoch zerschlagen hatte und Klubs wie Freiburg und Frankfurt übrig geblieben waren, wollte Heintz doch bleiben, durfte aber nicht mehr.

So also entschied sich Veh für zwei Zweitliga-erfahrene Spieler. In der Vorsaison 2017/18 hatten drei Innenverteidiger besonders überzeugt und waren die drei Notenbesten der Spielzeit beim kicker: Rafael Czichos von Holstein Kiel, Lasse Sobiech vom FC St. Pauli und eben Toni Leistner von Union Berlin. Sobiech und Leistner waren ablösefrei zu haben, für Czichos hätte Köln zahlen müssen. Veh entschied sich zunächst für Sobiech und anschließend für Czichos, da dieser von dem damaligen FC-Trainer Markus Anfang gefordert wurde. Leistner wechselte derweil nach England zu den Queens Park Rangers in die Football League Championship.

Leistungsträger Leistner: kampf- und zweikampfstark

Dort avancierte der bullige Innenverteidiger (1,90 Meter groß) schnell zum Leistungsträger und wurde zum Kapitän ernannt. Seitdem bestritt er insgesamt 70 Pflichtspiele für die Super Hoops, und eigentlich hätte es für QPR keinen Grund gegeben Leistner in diesem Winter zu verliehen. Doch der gebürtige Dresdner wurde Opfer einer Strafe, die der Klub in jenem Sommer aufgebrummt bekam, als Leistner nach England wechselte. Der Zweitligist erhielt eine Strafe in Höhe von 42 Millionen Pfund für ein Vergehen gegen das Financial Fairplay, zahlbar über zehn Jahre. Der ohnehin überteuerte Kader musste abgespeckt werden, zudem traf QPR ein Transferbann für die folgende Winter-Transferperiode. Anderthalb Jahre später haben die Londoner ihre Verbindlichkeiten zwar abgebaut, doch noch immer leidet der Klub unter den Folgen der Strafe. Im Januar traf der Klub die Entscheidung, sich von Großverdienern zu trennen. Und zu jenen gehörte Leistner, der seinen Vertrag bei QPR vor der Bekanntgabe der Strafe im Sommer 2018 unterschrieben hatte.

Nur so kam es überhaupt zum Deal mit dem 1. FC Köln und zum Wechsel des Innenverteidigers auf Leihbasis in die Domstadt. Das Schicksal wollte es zudem so, dass mit Lasse Sobiech jener Spieler vom FC nach Belgien abgegeben wurde, der Leistner von Ex-Sportchef Veh noch vorgezogen worden war. Nun also der Tausch Leistner gegen Sobiech – aber was bringt dieser Deal den Geissböcken überhaupt?

Keine Bundesliga-Erfahrung, keine Alternative hinten rechts

Die Verantwortlichen erhoffen sich von Leistner ein stabileres und höheres Niveau als von Sobiech. Er soll zusammen mit Jorge Meré Druck auf Sebastiaan Bornauw und Rafael Czichos machen und bringt jene Aggressivität im Zweikampf mit, die Trainer Markus Gisdol aktuell im Abstiegskampf fordert. Tatsächlich sind sich die FC-Bosse um Sportchef Horst Heldt aber wohl auch bewusst, dass Leistner über keinerlei Erstliga-Erfahrung verfügt und damit eigentlich ein entscheidendes Kriterium nicht erfüllt, das man an die Winter-Neuzugänge angelegt hatte. Leistner gilt zwar als Führungsspieler, hatte sich bei Union als zweikampf- und kopfballstark sowie passsicher im Spielaufbau präsentiert, für die Bundesliga hatte es jedoch zumindest damals nicht gereicht. Mit seinem Profil und seinem Werdegang über die Dritte und Zweite Liga sowie der Zeit in Englands Championship ähnelt Leistner seinem Vorgänger Sobiech sowie seinem Konkurrenten Czichos. Ob er sofort auf Bundesliga-Niveau wird agieren können, bleibt abzuwarten.

Die Personalie kommt auch deshalb überraschend, weil der FC mit Simon Falette und Benedikt Höwedes zwei Spieler mit einem gänzlich anderen Profil im Blick und zuletzt vor allem auch einen Verteidiger gesucht hatte, der nicht nur in der Innenverteidigung, sondern auch rechts hinten agieren könnte. Von Leistner ist dagegen nicht bekannt, dass er in den letzten Jahren überhaupt auch nur einmal hinten rechts ausgeholfen hätte. Nach GBK-Informationen hatte Köln daher auch noch zwei andere Alternativen im Köcher, die jeweils auch eine Option hinten rechts gewesen wären. Doch letztlich entschied man sich für Leistner, wohl auch daher, weil der 29-Jährige voll im Saft steht, über Spielpraxis verfügt und im Gegensatz zu anderen Kandidaten nicht erst einen Rhythmus finden müsste.

Kölns Problem: Aussortierte brachten kein Geld

Sportlich werden erst die nächsten Wochen zeigen, ob Leistner jener Herausforderer in der Rückrunde werden kann, der Sobiech nie war. Finanziell sind die Kölner kein Risiko eingegangen, haben sich eine Kaufoption gesichert, konnten sich allerdings nicht wie erhofft eines Problems aus der Ära Veh entledigen. Man hätte Sobiech, der im Sommer 2018 einen umstrittenen Vier-Jahres-Vertrag bis 2022 erhalten hatte, gerne verkauft. So wäre für den kommenden Sommer eine Position im Kader frei geworden und man hätte einen langfristigen Vertrag weniger in den Büchern stehen gehabt. Doch genau das klappte, wie auch bei den anderen Aussortierten, nicht. So konnte Köln letztlich mit keinem der fünf abzugebenden Spieler (Sobiech, Schaub, Bader, Koziello, Hauptmann) durch einen Verkauf Kasse machen. Leihgeschäfte waren das Maximum, und das nicht einmal bei allen.

Dadurch fehlte am Ende wohl auch die Liquidität, um auf der dritten und letzten Position noch einmal in einem anderen Teich zu fischen. So wirft der überraschende Leistner-Deal weniger die Frage auf, ob Köln mit der Verpflichtung des Innenverteidigers finanziell wirklich alles in die Waagschale geworfen hat. Schließlich ging der FC im vergangenen Sommer bereits ordentlich ins Risiko und ins Minus. Vielmehr dürfte die Frage lauten, wie knapp die Geissböcke inzwischen wirklich bei Kasse sind. Falette hatte Köln aus finanziellen Gründen abgesagt, in Istanbul soll er für das halbe Jahr angeblich aber nur 600.000 Euro verdienen – kein wirklich üppiges Gehalt für einen Bundesliga-Spieler. Bei Höwedes dagegen bot sich das Problem, dass der Spieler über die laufende Saison hinaus wechseln wollte, was die Geissböcke wiederum nicht wollten. Vernünftig also durchaus, dennoch hätte man als kerngesunder FC bei dem Weltmeister wohl ins Risiko gehen können. Die Wahrheit liegt hier wohl in den zahlreichen vorhandenen Spielerverträgen, die dem FC noch mehrere Jahre schwer auf dem Budget liegen werden. So war Leistner letztlich das preiswerteste Paket.

0 Kommentare

Dein Kommentar

Willst du an der Diskussion teilnehmen?
Mache mit!

Schreibe einen Kommentar