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Das Klinsmann-Aus zeigt das Ausmaß der Investoren-Gefahr


Vom „Big City Club“ zum „Big Lachnummer Club“ in nur wenigen Wochen: Jürgen Klinsmann hat Hertha BSC und sich selbst für die Kritiker zum Abschuss freigegeben. Der stillose Abgang des eigensinnigen Trainers wird wohl schon bald als weiteres Symbol für die Skepsis gegenüber Investoren in Fußballklubs gelten. Denn wieder einmal gibt es in einem solchen Fall nur Verlierer.

Ein Kommentar von Marc L. Merten

Es ist offenbar eine der Krankheiten des Geldes: Man hält sich für größer als man ist. Auch der 1. FC Köln kann davon ein Liedchen singen, man muss nur an den Sommer 2017 zurückdenken und braucht dafür noch nicht einmal einen Investor mit einer Yacht vor der Küste Floridas, auf die die Mannschaft eingeladen wird und der Ersatztorhüter „Für Elise“ auf dem Piano des Patrons vortragen muss.

So geschehen im Winter-Trainingslager der Hertha in den USA, als Jürgen Klinsmann noch der big boss und die Alte Dame noch ein Big City Club werden sollte, als Arne Friedrich zum Performance Manager ernannte wurde und es plötzlich um ein Benchmarking System ging. Mit Investor Lars Windhorst, der über 200 Millionen Euro in die Hertha gepumpt hat, sollte alles schöner, höher, schneller, weiter gehen. Champions League, mindestens. Doch aus dem big business wurde bullshit bingo. Klinsmann sprach bei seinem Abschied davon, man hätte sich in Berlin nicht hätte „auf das Wesentliche konzentrieren“ können, warf aber hin, weil er selbst gar nicht an das Wesentliche gedacht hatte – den Klassenerhalt -, sondern an seine eigene Machtfülle nach der Saison, in einer Zukunft, die noch gar nicht gesichert war. Es ging also, wie so häufig, um Macht. Um nichts anderes.

Erst Millionen investieren, dann davonlaufen

Das ist freilich auch in Investoren-freien Klubs kein unbekanntes Phänomen. Auch davon kann der 1. FC Köln ein Liedchen singen. Doch natürlich herrschen in Investoren-geleiteten Klubs andere Machtverhältnisse als am Geißbockheim. Zumindest dann, wenn es sich um einen einzelnen Investor handelt, um eine Einzelperson und nicht um mehrere strategische Partner wie beispielsweise beim FC Bayern. Klinsmann wollte offenbar Technischer Direktor werden und damit so etwas wie der in England übliche Teammanager. Was dann aus Michael Peretz geworden wäre, ist nicht bekannt. Klinsmann wäre jedoch mit Sicherheit Windhorsts starker Mann gewesen, Windhorst hätte über Klinsmann die Hertha lenken können. Stattdessen hinterlässt Klinsmann mit seinem selfish move, den er noch nicht mal über Hertha, sondern über Facebook kommunizierte, einen Klub, der vor zwei Wochen in seinem Namen noch 76 Millionen Euro in Spieler investiert hatte, die nur wegen Klinsmanns Visionen gekommen waren oder im Sommer kommen wollten.

Vielleicht hätte Klinsmann perspektivisch die Hertha tatsächlich so erfolgreich transformieren können wie den DFB, dessen spätere Erfolge unter Joachim Löw nicht nur, aber auch auf Klinsmanns unorthodoxem Fundament baute. Doch der eigenwillige Ex-Stürmer zog sich lieber beleidigt zurück, sprach plötzlich von einem „Himmelfahrtskommando“, stach damit der Hertha sogar noch einen Dolch in den Rücken und man darf gespannt sein, wie dieser Mann künftig glaubwürdig im Aufsichtsrat agieren will. Doch unter Windhorsts Gnaden dürfte das funktionieren, schließlich hängt die Hertha nun am Tropf des Milliardärs. Vor allem dann, wenn das Horrorszenario Abstieg wahr werden sollte. Denn dann hätte man Abermillionen für Spieler ausgegeben, die sicher keinen Fuß auf einen Zweitliga-Rasen setzen würden.

Viel Geld, noch mehr Worthülsen – und der Erfolg?

Kurzzeitig war die einstige graue Maus Hertha BSC tatsächlich ein international interessanter Klub geworden, etwas durchgeknallt und abgehoben und weit weg von der tristen Bundesliga-Realität – aber eben doch medial interessant. Das hat sich erledigt. Die Hertha muss den kurzfristigen Größenwahn des Investoren-getriebenen Klinsmann ausbaden und sich erst einmal wieder auf das Wesentliche konzentrieren: nicht abzusteigen.

Eine Entwicklung, die es auch andernorts schon gegeben hat – und längst als Warnung vor allzu eigenwilligen Einzelinvestoren gilt. Beim TSV 1860 München pumpte Hasan Ismaik über Jahre erfolglos, weil unkontrolliert, Geld in den Löwen-Klub. Und als der Milliardär an der Grünwalder Straße endlich mal frei schalten und walten konnte, wie er wollte, holte er eigenhändig und völlig ohne Bezug zur Realität Zweite Liga mit Vitor Pereira einen millionenschweren Trainer, der mit dem FC Porto große Erfolge gefeierte hatte, dazu einen millionenschweren Staff, millionenschwere Spieler – und stieg ein halbes Jahr später aus der Zweiten Liga ab. Alle bei Sechzig hatten vom großem Angriff geredet, vom Aufstieg, von der Bundesliga, von Europa – aber außer Worthülsen hatte nichts dahinter gesteckt. Auch in Giesing, wie bei der Hertha, war es die Krankheit des Geldes gewesen. Man hielt sich für größer als man war. Man darf gespannt sein, wie es der Alten Dame ergehen wird.

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