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Die legendäre Münze, die eine Holzscheibe war

Die Nacht von Rotterdam gehört zu den größten Dramen, die der Fußball je hervorgebracht hat. Das Entscheidungsspiel des 1. FC Köln gegen den FC Liverpool im Viertelfinale des Europapokals der Landesmeister vom 24. März 1965 jährt sich 2020 zum 55. Mal. Es war der Abend, an dem ein Münzwurf über den Sieger entschied, Wolfgang Weber seinen Spitznamen erhielt und der FC eine der tragischsten Niederlagen seiner Vereinsgeschichte hinnehmen musste. 

Rotterdam – Es war die Saison 1964/65, in der FC-Präsident Franz Kremer einen besonderen Transfer tätigte. Mit Jose Gilson Rodriguez, kurz „Zeze“, wechselte der erste Brasilianer in der Geschichte der Geissböcke zum Effzeh. Die Berichte über die genaue Ablösesumme gehen auseinander, von 60.000 bis 150.000 DM ist die Rede. In jedem Fall sollte Zeze ein Transfer mit Strahlkraft sein, nicht nur dem FC sportlich weiterhelfen, sondern auch als neue Attraktion in der Bundesliga gelten, Zuschauer anlocken. Doch Zeze wurde zum Flop, verließ die Geissböcke nach nur einem Jahr wieder, und so ging der wahre Königstransfer des Sommers 1964 im Trubel um den Brasilianer unter: Aus Saarbrücken kam ein gewisser Hannes Löhr zum 1. FC Köln.

Während Löhr in den folgenden Jahren zur FC-Legende wurde, hatte Zeze nur einen wirklich beeindruckenden Auftritt, und er ist Teil der Geschichte, die sich am 24. März 2020 zum 55. Mal jährt. Denn Zeze gehörte im zweiten der drei Aufeinandertreffen zwischen den Geissböcken und Liverpool zur Startaufstellung des FC in Anfield. Doch dazu später mehr.

Köln in der Liga mit einem Tief

Der FC war bekanntlich 1964 Deutscher Meister geworden und ging somit als Titelverteidiger in der Bundesliga und als deutscher Vertreter im Europapokal der Landesmeister an den Start. Hans Schäfer war inzwischen 37 Jahre alt, Wolfgang Overath und Wolfgang Weber gehörten als Jung-Nationalspieler zur nächsten Generation, ebenso Löhr. Christian Müller war Torjäger Nummer eins im Angriff, Karl-Heinz Thielen stand Müller aber in nichts nach. Im Tor hatte Anton „Toni“ Schumacher Fritz Ewert im Tor verdrängt und sollte ebenfalls eine große Rolle gegen Liverpool spielen. In der Liga lief es für die Geissböcke zunächst gut, doch ein Tief zu Beginn des Jahres 1965 mit nur einem Sieg aus sechs Spielen brachte Köln um fast alle Chancen in der Meisterschaft.

Mit diesem Gefühl wollten sich die Geissböcke im Frühjahr gänzlich auf den internationalen Wettbewerb konzentrieren. Zwar fehlte Altmeister Schäfer wegen einer schweren Meniskusverletzung monatelang, doch der FC hatte sich im Europapokal schadlos gehalten. In Runde eins besiegte man Partizan Tirana, im Achtelfinale Panathinaikos Athen. Und so kam es zu jener Auslosung in Wien, die dem FC in der Runde der letzten Acht das Los des FC Liverpool bescherte. Der Deutsche Meister gegen den Englischen Meister – es wurde ein Drama in vier Akten und ein Duell für die Geschichtsbücher.

Sorgte Shankly für die Absage des Rückspiels?

Der FC Liverpool mit Manager Bill Shankly musste zunächst beim FC antreten und hatte so das Rückspiel in Anfield in der Hinterhand. Ein Vorteil, den die Reds nutzen wollten, indem man sich in Müngersdorf am 10. Februar 1965 in der eigenen Hälfte einigelte. Unter den Augen von Bundeskanzler Ludwig Erhard war der FC über 90 Minuten die bessere Mannschaft, Liverpool agierte trotz seiner überragenden Stürmer Roger Hunt (245 Tore in 404 Pflichtspielen) und Ian St. John (schottischer Nationalstürmer) überraschend defensiv. Das Spiel, das damals in sieben Länder übertragen wurde, endete 0:0. Löhr erzielte zwar ein Tor, wurde aber wegen Abseits zurückgepfiffen. Thielen traf nur den Pfosten. Dem FC war das Fehlen des Routiniers Schäfer ebenso anzumerken wie jenes des ebenfalls verletzten Heinz Hornig. Liverpool hatte erreicht, was es erreichen wollte, und ging als Favorit in das Rückspiel.

Doch schon mit dem Rückspiel nahm das Drama des Duells seinen Lauf. Tatsächlich wurde die Partie am 17. März 1965 ausgetragen, aber nur, weil das Spiel am 3. März nur wenige Minuten vor dem Anpfiff wegen Unbespielbarkeit des Platzes abgesagt worden war. Dabei war der FC bereits fünf Tage zuvor nach London gereist, um das Spiel der Liverpooler bei West Ham United (1:2) live im Stadion zu verfolgen und anschließend nach Liverpool weiterzureisen. Dort heftiges Schneetreiben ließ die Partie eine Viertelstunde vor dem geplanten Anpfiff platzen und es heißt bis heute, Shankly persönlich hätte beim dänischen Schiedsrichter Hansen interveniert, um das Spiel abzusagen.

So mussten der FC mit seinen Fans zwei Wochen später nach Anfield zurückkehren, und es wurde ein denkwürdiges Duell. Der Flop aus Brasilien, Zeze, lief völlig überraschend für die Geissböcke auf – in der Bundesliga war es praktisch überhaupt nicht zum Einsatz gekommen, am Ende der Saison standen gerade einmal fünf Einsätze für den teuren Neuzugang zu Buche. Doch FC-Trainer Georg Knöpfle schickte den technisch hoch veranlagten Offensivspieler ins Rennen. Zusammen mit seinen Mitspielern bot er eine kämpferisch überragende Vorstellung, wenngleich Schumacher im Kölner Tor alle anderen Leistungen in den Schatten stellte. Die Reds konnten ihrer Favoritenrolle nicht gerecht werden und so endete auch das Rückspiel torlos.

Das Spiel, das Weber zur Legende machte

Es brauchte ein Entscheidungsspiel. Liverpool schlug Glasgow als Austragungsort vor, Köln Rotterdam. Die UEFA entschied für Rotterdam. Offiziell hatten 16.000 FC-Fans in kürzester Zeit Tickets gekauft, letztlich pilgerten jedoch über 20.000 Kölner Anhänger am 24. März 1965 mit dem Auto, dem Zug oder dem Flugzeug nach Rotterdam. Die niederländische Presse schrieb von einer „Invasion der Deutschen für Köln gegen Liverpool“, das Feyernoord-Stadion De Kuip war mit 50.000 Zuschauern fast ausverkauft, fast die Hälfte der Zuschauer war aus dem Rheinland angereist.

Was sie sahen, konnte sie jedoch zunächst nur erfreuen. Denn schon nach 22 Minuten musste der FC in Unterzahl weiterspielen. Wolfgang Weber musste nach einem Zusammenprall mit Gordon Milne verletzt vom Feld. Er hatte einen schmerzhaften Bluterguss in der Wade erlitten – zumindest lautete so die erste Diagnose. Der FC also mit einem Mann weniger und nur eine Minute später mit dem Rückstand: St. John wurde seinem Ruf gerecht und traf zur Führung der Reds (23.). Die Geissböcke geschockt, und als in der 37. Minute Torjäger Hunt nach einem Lattenschuss zum 0:2 (37.) abstaubte, schien die Partie entschieden. Doch der FC gab sich nicht geschlagen. Nur zwei Minuten später zirkelte Hornig einen Freistoß in den Strafraum, Thielen hielt den Kopf hin – das 1:2 (39).

Keine Rote Karte, kein Tor für den FC

Mit Hoffnung ging es in die Pause, und tatsächlich kam nach dem Seitenwechsel Weber plötzlich zurück. Da keine Wechsel erlaubt waren, war dies die einzige Chance für die Geissböcke wieder mit elf Mann anzutreten. Später wurde bekannt, dass Weber in der Kabine als Belastungstest für sein Wadenbein von einer Bank gesprungen war. Mit schmerzverzerrtem Gesicht humpelte Weber also wieder aufs Feld und über in Mittelstürmer-Position die Rolle des Ballverteilers und Wandspielers. Und tatsächlich: Nur kurze Zeit später wurde Köln belohnt. Hannes Löhr brachte das Stadion zum Kochen, als er nach einem Pass von Thielen den Ball aus 25 Metern flach ins Liverpooler Tor jagte. Der Ausgleich (49.) und das Gefühl für die FC-Fans: Hier ging doch noch was.

Danach rückte der belgische Schiedsrichter Robert Schaut in den Mittelpunkt: In der 70. Minute ahndete er eine Tätlichkeit von Ron Yeats an Löhr nicht mit Rot, in der 74. Minute erkannte er einen Treffer Hornigs nicht an. Die Geissböcke waren außer sich, doch machtlos. So ging es mit 2:2 in die Verlängerung, doch ein Tor fiel nicht mehr. Weil das Regelwerk kein Elfmeterschießen vorsah, gab es nach Hinspiel (0:0), Rückspiel (0:0) und Entscheidungsspiel (2:2) nur noch einen Weg, um die Entscheidung herbeizuführen: ein Münzwurf.

Tränen beim FC

Die Münze war eigentlich eine Holzscheibe mit einer roten und einer weißen Seite. Das Bild des Schiedsrichters Schaut, umringt von seinen Assistenten, den beiden Kapitänen, weiteren Spielern und Sicherheitskräften, wurde berühmt. Denn Schaut warf die Münze in den Rotterdamer Nachthimmel – doch sie blieb im tiefen Rasen hochkant stecken. Selbst der Münzwurf endete nicht im ersten Durchgang, sondern musste wiederholt werden – und entschied im zweiten Versuch für Liverpool und gegen den FC. 300 Minuten Fußball hatten keinen Verlierer verdient, doch am Ende mussten die Geissböcke unter Tränen und fassungslos ob des Verlaufs die Heimreise antreten. Der FC Liverpool schied anschließend im Halbfinale gegen den späteren Europapokalsieger Inter Mailand aus.

Für Wolfgang Weber endete die Partie übrigens im Kölner St. Franziskus Krankenhaus. Dort wurde ein Wadenbeinbruch diagnostiziert. Der Abend von Rotterdam bescherte dem Fußball nicht nur eines der kuriosesten und berühmtesten Spiele, sondern Weber auch noch den Spitznamen „Bulle“.

5 Kommentare
  1. Klaus Höhner says:

    An den Abend kann ich mich noch gut erinnern, in Liverpool bot der FC eine kämpferisch überragende Leistung. Dann in Rotterdam das Drama um Wolfgang Weber der nach seiner Verletzung noch sensationell gespielt hat.Dann die große Stunde von Schiri Schauth eine katastrophale Leistung dem Fc wurde ein klares Tor gestohlen so hart muss man das sagen. Aber der FC hat den deutschen Fußball super vertreten.

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