, ,

Solidarität: Survival of the Richest darf es nicht geben

Der Solidus war eine Art Leitwährung zu Kaiser Konstantins Zeiten. Fast ein Jahrtausend hielt er sich, eine Goldmünze, mit der man praktisch überall in Europa zahlen konnte. Der Solidus gilt als ein Vorläufer des Euro. Auf ihn geht auch der Ausdruck „harte Währung“ zurück, denn solidus heißt im Lateinischen hart oder fest. Wie hart oder fest ist jedoch die Solidarität – ein Begriff, der ebenfalls auf solidus zurückgeht – in der Bundesliga?

Ein Kommentar von Marc L. Merten

Markus Söder will einen Gehaltsverzicht der Fußball-Millionäre in der Bundesliga, auch Hans Joachim Watzke kann sich diesen als Zeichen der Solidarität vorstellen. Horst Heldt hingegen findet eine solche öffentliche Forderung, ganz so, als ob sich Fußballer nicht solidarisch zeigen könnten, „unverschämt“. Wobei der Sportchef nicht ausschließt, dass es dazu kommen könnte. DFL-Chef Christian Seibert sagte am Dienstag dagegen: „Was Markus Söder gesagt hat, ist das, was viele Menschen denken. Ich weiß von Klubs, die längst mit ihren Spielern darüber sprechen und vielleicht schon umgesetzt haben. Die Forderung ist nachvollziehbar. Viele Akteure müssen ihren Beitrag leisten.“

In der aktuellen weltweiten Gesundheits- und Wirtschaftskrise aufgrund des Coronavirus‘ sind alle Menschen gefragt. Das betont aktuell jeder. Vor allem aber sind die reichen und privilegierten Personen und Unternehmen gefordert. Denn der allergrößte Teil der Bevölkerung oder Firmen hat nicht die notwendigen Rücklagen gebildet oder bilden können, um auf eine derart existentielle Krise vorbereitet zu sein. Sie brauchen Hilfe. Von der Politik, von Mitmenschen, von jenen, denen das Leben wohl gesonnen ist, von jenen, die es sich leisten können einen größeren Beitrag zu geben als andere. Im Fußballbusiness sind dies ohne Frage die Spieler und die höchsten Mitarbeiter in den Klubs. Denn sie verdienen in Deutschland zumeist siebenstellige Beträge jährlich.

Wo das meiste Geld sitzt, kann auch am meisten eingespart werden

Wenn Horst Heldt sagt: „Fußballball ist kein Geldspiel. Es geht in der jetzigen Krise nicht darum, den Fußballprofi dauerhaft zu bezahlen, sondern die 60-jährige Mitarbeiterin der Geschäftsstelle oder die 450-Euro-Jobber.“ Dann trifft Heldt damit den Nagel auf den Kopf – und doch müsste er wissen: Wer als Klub seine Fans bittet, im Falle von Geisterspielen auf die Rückerstattung der Ticketpreise zu verzichten, der muss mit einem noch viel größeren Beispiel vorangehen. Denn würde im Falle des 1. FC Köln nur ein einziger Topverdiener der Geissböcke auf einen Teil seines Monats(!)-Gehalts verzichten, könnte er damit das Jahres(!)-Gehalt eines durchschnittlich verdienenden FC-Mitarbeiters übernehmen und damit sichern. In einer Zeit, in der selbst bei einem Bundesliga-Aufsteiger wie den Geissböcken zahlreiche Profis monatlich über 200.000 Euro verdienen, ist es nur natürlich, dass solche Rufe nach der Solidarität genau jener laut werden, die am allermeisten vom Milliardengeschäft Bundesliga profitieren.

Die Forderung hat dabei nichts mit Neid zu tun, auch wenn dies im Reflex gerne unterstellt wird. Es geht um eine harte Realität, die von den Bossen im Fußballbusiness gerne ausgeblendet wird: In der Bundesliga wollen unzählige Menschen arbeiten, ob direkt oder indirekt. Alleine in der Medienbranche reißen sich die Hochschul- und Volontariatsabsolventen um Jobs als Fußballreporter. Viele von ihnen werden freie Journalisten, weil es kaum mehr Festanstellungen gibt. Sie arbeiten für mehrere Medien, nehmen, was sie kriegen können, teilweise für Tagespauschalen von unter 100 Euro vor Steuern – als Selbständige. Sie tun dies, weil sie ihre Jobs lieben, weil sie Teil des Ganzen sein wollen – und weil sie wissen, dass wenn sie dieses niedrige Honorar nicht akzeptieren, andere hinter ihnen nur darauf lauern und sofort zuschlagen würden. Dass die Tagessätze für freie Journalisten so niedrig sind, hat zahlreiche Gründe. Einer ist, dass die Medien, die sich für viele hunderte Millionen oder gar Milliarden Euro die Bundesliga-Rechte sichern, am anderen Ende sparen müssen – bei den Reportern. Und somit zahlen auch jene Reporter, die für knapp über dem Mindestlohn arbeiten, die Gehälter der Profifußballer mit.

Der Wunsch nach „Wir haben verstanden“

Deswegen fordert nicht nur Markus Södern, sondern auch diese Reporter aktuell: Die Profis müssen einen spürbaren Beitrag leisten, um jenes System zu retten, von dem sie so gut leben. Sie dürfen dies gerne auch öffentlich tun, als sichtbares Zeichen der Solidarität. Niemand unterstellt ihnen, sie hätten kein Gefühl dafür. Man wünscht sich in diesen Zeiten lediglich ein Signal wie „Wir haben verstanden“. Denn viele freie Reporter verlieren aktuell täglich Aufträge und damit ihre Existenzgrundlage, andere werden in Kurzarbeit geschickt, weil es ohne Sportveranstaltungen auch keine vollbesetzten Sportredaktionen mehr braucht. Diese Forderung in Richtung der Fußballprofis ist auch nicht unverschämt, sie zielt nicht darauf ab den Fußballern vorzuwerfen, sie verdienten zu Unrecht so viel Geld oder würden keine Solidarität kennen. Sie ist nur die logische Folge eines Systems, in dem tausende Arbeitsplätze in Gefahr sind, weil eine ganze Branche in Gefahr ist. Diese Branche kann man aber nicht retten, indem man 450-Euro-Jobs, das Gehalt einer Sekretärin oder die 100 Euro Tagessatz für einen freien Mitarbeiter einspart, sondern indem sich die Spieler zum Verzicht bereiterklären. Denn da, wo das meiste Geld sitzt, kann auch am meisten eingespart werden.

Dass Seifert bestätigt hat, einige Klubs würden diese Lösung bereits diskutieren, ist ein Lichtblick. Denn Solidarität heißt in einer Krise vor allem, dass von oben nach unten geholfen werden muss, während es normalerweise vor allem andersherum läuft. Deswegen fordern ja auch einige kleinere Fußballklubs, dass die reichsten Vereine die TV-Gelder-Pyramide nun umdrehen und den ärmeren Klubs etwas vom großen Kuchen abgeben. Niemandem ist geholfen, wenn nur die Reichsten diese Krise überstehen. Ja, es geht um eine Solidarität des Geldes, aber nein, Survival of the Richest ist keine Lösung.

18 Kommentare
  1. Peter Josef says:

    Ich hatte Horst Heldt nicht so verstanden, dass er Gehaltsverzicht der Fußballer für undenkbar oder nicht förderlich hält. Ich hatte ihn so verstanden, dass er es unangemessen findet, wenn man als Politiker öffentlich auf die reichen Fußballer zeigt und nicht daran denkt, dass die Fußballer selber das schon überlegt haben. Hätte Kollege Söder gesagt: „Ich nehme erfreut zur Kenntnis, dass bereits viele Fußballer…“ wäre das ganz anders gewesen als sein „Diese Schmarozer sollen endlich mal….“ . Und da hat er halt recht, unser Horst.

    • Philipp says:

      Genauso ist. Endlich mal jemand der genau zugehört hat, was Herr Heldt gesagt hat und nicht nur die Überschrift gelesen hat und lospöbelt. Herr Heldt hat sogar angedeutet, dass die Verzichtsbereitschaft bereits diskutiert wird. Es ging ihm nur darum, dass die Fußballer durch diese Aussage von Herrn Söder als geldgierige Aasgeier dargestellt werden.

      • FC Neukoelln says:

        Kann man sich evtl. darauf einigen, dass Fußballer tatsächlich eine Neigung zum geldgierigen Aasgeiertum bzw. rechtswidrigen Steuersündertum haben, man das populistische Getöse Markus Söders aber dennoch als solches verurteilen kann, zumal dessen Jahresgehalt auch bei stattlichen 250.000€ liegt und mir gerade nicht bekannt ist, dass er bereits gespendet hat?

      • FC Neukoelln says:

        Wieviel hat gerade die Nationalmannschaft gespendet? 2,5 Millionen. Das ist ungefähr die Hälfte von Toni Kroos‘ Jahresgehalt. Auf sagen wir mal 25 Spieler oder Trainer verteilt macht das also 100.000 pro Nationalmannschaftsnase. Wirklich Wahnsinn, diese Solidarität. Und alle so: yeeeeeeeaaaaahhhh!!!

        • radrennbahn says:

          Woher weißt du dass das alles ist, was von denen unternommen wird? Es hängt nicht jeder alles an die große Glocke. Was ist denn dein Beitrag in der Krise? Es muss ja nicht unbedingt Geld sein. Man kann auch im kleinen Gutes tun. Ich hab heute für drei Krebspatienten, die nicht aus dem Haus können, eingekauft und selbstgekochte Suppe gebracht. Was war dein Beitrag für die Allgemeinheit. In nem Forum gelästert, war das alles?

          • FC Neukoelln says:

            Mein Beitrag ist, dass ich zum 15. April sämtliche Mitarbeiter entlasse und nach 15 Jahren Selbstständigkeit und nicht zählbar vielen 60-80-Std-Wochen mein Unternehmen dicht mache.

          • FC Neukoelln says:

            Ich gebe Dir ja völlig recht, dass jede Form von Hilfestellung in diesen Tagen ein toller Beitrag ist, den man gar nicht hoch genug bewerten kann, auch Deiner.
            Sollte es aber ein Zeichen der Solidarität gewesen sein von ausgewiesenen Topverdienern unter den Topverdienern – denn das sind Spieler der Nationalmannschaft ja nun mal – so finde ich es hätte evtl. noch geringfügig Luft nach oben. Das ist meine bescheidene Meinung.

          • FC Neukoelln says:

            Ausserdem haben sie es ja an die große Glocke gehangen. Sollte dies also ein Aufruf gewesen sein an andere, die es sich leisten können, von dem vielen etwas abzugeben, so hätte dieser Aufruf auch ein wenig deutlicher ausfallen können. Das ist ansonsten nämlich so wie wenn ich auf meine 100€-Restaurantrechnung 50 Cent Trinkgeld gebe und dafür auch noch Anerkennung erwarte. Ich würde das dann vielleicht eher nicht an die große Glocke hängen.

  2. radrennbahn says:

    Wenn der Söder Markus im gleichen Atemzuge auch die ganzen Millionäre und Milliardäre aus den Vorständen der DAX Konzerne und die ganzen reichen Steuervermeidungsprofis angesprochen hätte; der Horsti hätte sicher nicht so scharf reagiert. So ist das nur billiger Populismus.

  3. Klio says:

    Bei der Kritik an Söder geht es eben nicht um die Frage, ob Profispieler durch Gehaltsverzicht einen Beitrag leisten sollen oder nicht. Es geht darum, dass Söder ohne jeden Anlass eine Gruppe an den Pranger stellt.

    So eine öffentlich formulierte Forderung wäre denkbar gewesen, wenn z.B. bayerische Vereine Geldforderungen an die Landesregierung gestellt hätten und zugleich die Profis der Vereine jede Gehaltseinbuße abgelehnt hätten. Momentan sind Vereine und Verbände aber dabei, sich zu sortieren. Und natürlich werden Gespräche geführt.

    Das unendlich Dumme an Söders Aussagen: Er entwertet die Geste der Profis (die sicher kommen wird) schon im Vorhinein – denn so wird öffentlicher Druck aufgebaut, der einen (wohlgemerkt) freiwilligen Gehaltsverzicht als längst überfällige Reaktion erscheinen lässt. In einer Zeit, wo es überall darauf ankommt zusammenzustehen, wurde einem äußerst öffentlichkeitswirksamen Bereich wie dem Fußball die Chance genommen zu demonstrieren, wie man in einer schwierigen Situation durch freiwillige Beiträge eine schwere Krise gemeinsam angeht.

    Gute Nachrichten und kleine Lichtblicke brauchen wir jetzt. Dass aus der Politik ohne jeden konkreten Anlass auf eine Gruppe mit Fingern gezeigt wird, ist da das Letzte. Bei denjenigen, denen Herr Söder wohl nähersteht (z.B. Vorstände großer in Bayern situierter Unternehmen), hat der bayerische MP interessanterweise nicht öffentlich auf einen Gehaltsverzicht gedrungen, obwohl Leistungen des Staates zur Unterstützung dieser Betriebe längst zugesagt sind (Kurzarbeitergeld).

    Ich bleibe dabei: Horst Heldts Einschätzung von Söders Aussagen als „populistischem Scheißdreck“ treffen ins Schwarze.

Dein Kommentar

Willst du an der Diskussion teilnehmen?
Mache mit!

Schreibe einen Kommentar