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Negativ bleiben


Wenn für den 1. FC Köln die positiven Tests zweier Spieler und eines Betreuers beim ersten Test-Durchgang auf das Coronavirus noch nicht der Worst Case waren, dann waren es die Aussagen von Birger Verstraete. Seit Freitag betreiben der Klub und die Deutsche Fußball Liga Schadensbegrenzung und bewegen sich dabei auf dünnem Eis. Das vorgegebene Motto lautet: Positiv bleiben und auf negative Tests hoffen.

Ein Kommentar von Marc L. Merten

Wer Krisenkommunikation in Aktion sehen wollte, musste am Wochenende nur den Kanälen des 1. FC Köln folgen. Erst äußerte sich Geschäftsführer Alexander Wehrle. Dann wurde Mannschaftsarzt Dr. Paul Klein von der eigenen Medienabteilung interviewt, um alle medizinischen Fragen zu beantworten und Zweifel auszuräumen, dass der FC seine Angestellten gefährde. Schließlich wurden auch die Verbände aktiv, DFB-Arzt Tim Meyer ging mit einem ausführlichen Interview an die Öffentlichkeit, die Mediziner und Verantwortlichen anderer Klubs äußerten sich ebenfalls. Alle waren bemüht zu betonen, dass die positiven Tests nur zeigen würden, wie gut das DFL-Konzept funktioniere.

Doch da war das Kind schon in den Brunnen gefallen. Erst die positiven Tests, auf die die Kritiker an der Bundesliga und an den Wiederaufnahme-Plänen nur gewartet hatten. Und dann auch noch Birger Verstraete, der in einem Interview in Belgien sorgenvolle Worte zum Kurs der DFL und der Klubs fand. Am Sonntag folgte die erwartete Replik der Kölner Krisen-PR: Verstraete musste zum Rapport und anschließend zurückrudern. Er habe sich „an einigen Stellen falsch ausgedrückt, so dass in der Übersetzung ein missverständlicher Eindruck entstanden ist, der mir leid tut“.

FC geht nicht auf Verstraetes Sorgen ein

Auffällig war in der Mitteilung der Geissböcke: Weder nahm ein Verantwortlicher Stellung zu Verstraetes Äußerungen, noch bezog sich der FC in irgendeiner Form auf den Kern dessen, was Verstraete in seinen ursprünglichen Aussagen zum Ausdruck gebracht hatte: auf die Sorge selbst infiziert zu werden und seine Freundin anzustecken. Das Einzige, was kommuniziert wurde, war, dass Verstraetes Freundin nun erst einmal nach Belgien reist und bis auf weiteres dort bleibt. Verständnis für die persönlichen Sorgen und Ängste des Mitarbeiters fanden sich in der FC-Mitteilung nicht, nur der durchaus interessante Hinweise: „Verstraete wird weiter beim 1. FC Köln trainieren und spielen.“

Welches Mitspracherecht haben die Spieler?

Zurück bleibt der Eindruck, dass Verstraete hinter verschlossenen Türen deutlich zurechtgewiesen worden sein dürfte. Denn waren die drei positiven Tests zunächst nur sachliche Hinweise auf den Status Quo bei einem der 18 Bundesligisten, gab der Belgier der Situation eine menschliche, emotionale Ebene. Und genau diese ist es, die die Verbände und die Klubs in der Entscheidung rund um den Bundesliga-Wiederbeginn so fürchten. Seit Wochen versucht die DFL sachlich und fachlich zu argumentieren, Vernunft zu demonstrieren und zu erklären, dass das vorgelegte Konzept die Risiken für die beteiligten Personen zwar nicht auf Null reduziert, aber nach wissenschaftlichen Erkenntnissen zumindest minimiert. Verstraetes Einwand jedoch lässt nun fragen, wie viel davon die Spieler selbst glauben und wie groß das Vertrauen der Profis in die getroffenen Maßnahmen tatsächlich ist.

Nach den drei positiven Tests hatte die Hoffnung des FC gelautet: Hauptsache keine weiteren positiven Fälle, schon gar nicht innerhalb der gleichen, bereits betroffenen Trainingsgruppe. Denn nur bei negativen Tests wäre man mit einem blauen Auge davon gekommen. Nun muss man auch noch die Sorgen der Spieler in der öffentlichen Diskussion einfangen. Sollte es weitere positive Ergebnisse geben, dürfte automatisch die Frage entstehen, welches Mitspracherecht den Spielern zusteht. Denn im Zweifel – das zeigt das Beispiel Verstraete und seine Freundin Zoé Timmermans – gefährden sie nicht nur ihre eigene Gesundheit, sondern auch jene ihrer Mitmenschen im häuslichen Umfeld.

Zwei wissenschaftliche Annahmen sind unerlässlich

Bislang fußt das Konzept der DFL vor allem auf zwei wissenschaftlichen Annahmen des Robert-Koch-Instituts (RKI): Erstens soll durch zwei Tests pro Woche sichergestellt werden können, dass keine Infektionsketten entstehen können, weil eine Ansteckung in den ersten Tagen der Infektion noch nicht gegeben sein soll. Zweitens soll auf dem Rasen während des Trainings und des Wettkampfes unter freiem Himmel (auch mit Zweikämpfen) die Ansteckungsgefahr um ein Vielfaches geringer sein als in geschlossenen Räumen.

Erweisen sich beide Grundannahmen als richtig, kann das DFL-Konzept tatsächlich funktionieren. Verständlich also, dass die Vereins- und Verbandsbosse nicht müde werden auf das RKI und die Gesundheitsämter als unabhängige Richter zu verweisen. Auf wen soll man sich in diesen Zeiten schließlich sonst verlassen als auf Virologen? Auf Armin Laschet oder Karl Lauterbach wohl kaum. Doch klar ist auch: Sollte auch nur eine der beiden Annahmen falsch sein, sollten sich die Profis gegenseitig während des Trainings oder eines Bundesliga-Spiels leicht gegenseitig infizieren können, wäre das Spiel aus. Dann wären keine Fußballspiele mehr möglich – nicht nur im Profibereich, sondern auch im Breitensport -, ehe ein Impfstoff gefunden ist. Und deshalb heißt das Gebot der Stunde: Negativ bleiben! Zumindest bei den Tests.

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