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Keine halben Sachen mehr! Köln muss aus den Fehlern lernen


Die Aufarbeitung des Stadionbaus vor 20 Jahren hat viele Fehler und Probleme zu Tage gefördert. Der 1. FC Köln wird die Chance bekommen diese zu korrigieren, sofern die Stadt Köln sich als Gesprächspartner an eine alte Zusage hält: dass das Müngersdorfer Stadion in den Besitz der Geißböcke übergehen kann. Dann könnte der FC mit über zwei Jahrzehnten Verzögerung doch noch durchstarten.

Ein Kommentar von Marc L. Merten

Es war die bislang aufwendigste Recherche, die der GEISSBLOG.KOELN in seinem fünfjährigen Bestehen unternommen hat: Wir haben hunderte Dokumente gesichtet, von Zeitungsartikeln über Aktennotizen und Briefen bis hin zu städtischen Ausschreibungen, Bauplänen und Jurybegründungen. Wir haben zahlreiche Interviews und Hintergrundgespräche geführt, haben Zeitachsen erstellt, Pläne rekonstruiert und schließlich die Ergebnisse unserer Recherchen zu digitalem Papier gebracht.

Wir haben herausgefunden, dass der FC im Herbst 1999 und Frühjahr 2000 einem eigenen Stadion im Vereinsbesitz ganz nahe war, sogar einem Stadion mit integrierter Geschäftsstelle, angebundenem Trainingsgelände und Hotel.

Wir haben aufgezeigt, wie diese Vision platzte und warum die Stadt Köln den Bau des heutigen Stadions doch noch an sich riss und den FC auf diese Weise in seiner Entwicklung um inzwischen zwei Jahrzehnte zurückwarf.

Und wir haben gezeigt, dass das heutige Stadion zwar emotional und atmosphärisch ein herausragender Bau ist, wohl aber architektonisch und wirtschaftlich ein anderer Stadion-Entwurf den Zuschlag hätte bekommen müssen.

Was aber sind die Lehren aus dieser Vergangenheit, die nun schon 20 Jahre zurückliegt? „Was geschehen ist, ist geschehen“, heißt es doch. Allerdings können diese Erkenntnisse für den 1. FC Köln eine Warnung sein.

1. Das „nächste“ Stadion muss dem 1. FC Köln gehören.

Der FC zahlt seit Jahren in der Bundesliga knapp zehn Millionen Euro Pacht an die Stadt Köln. Das Gros der Baukosten von umgerechnet 120 Millionen Euro hat der Klub der Stadt damit inzwischen zurückgezahlt. Trotzdem ist der Bau weiter in städtischer Hand. Bis 2024 wird sich daran nichts ändern, weitere 40 (!) Millionen Euro werden bis dahin vom FC noch auf das städtische Konto überwiesen. Doch klar ist: Irgendwann muss mit diesen Pachtzahlungen Schluss sein. Das ist wie mit einer Leasing-Rate für ein Auto: Es kommt der Punkt, an dem man sich auf eine Schlussrate einigen muss und das Stadion den Besitzer wechselt. Dass dies eigentlich mal so besprochen war, bestätigte der ehemalige Oberbürgermeister Fritz Schramma dem GEISSBLOG.KOELN: „Wir haben damals vereinbart, dass eine spätere Übergabe des Stadions in den Besitz des FC diskutabel wäre. Diese Diskussion ist ja bis heute im Gange. Aus meiner Sicht würde es Sinn machen.“ Hier ist die Stadt gefordert, sich nach nun fast 20 Jahren endlich an einstige Vereinbarungen zu halten.

2. Ein Neubau könnte die bessere Alternative zu einem Ausbau sein.

Warum ist der Besitz des Stadions für den FC so wichtig? Um frei entscheiden und alle wirtschaftlichen Aspekte des Stadions voll ausnutzen zu können. Andere Klubs profizieren längst Saison für Saison davon, dass sie ihre Arena vollständig selbst betreiben und vermarkten können. So schmerzhaft er ist, ein Blick nach Gladbach reicht, um diese Dimensionen zu verstehen. Im eigenen Besitz könnte der FC auch frei entscheiden, was mit dem Stadion passieren würde. Eine Sanierung mit gleichbleibender Zuschauerzahl? Ein Ausbau, wie ihn die Machbarkeitsstudie zuletzt für 215 Millionen Euro vorschlug? Oder gar ein Neubau an gleicher Stelle, gebaut während des laufenden Spielbetriebs? Letztere Option muss unter Berücksichtigung der Planungen von vor 20 Jahren eigentlich auf den Tisch. Andernorts werden Stadien nach 20 bis 30 Jahren abgerissen und neu gebaut, da dies wirtschaftlicher und nachhaltiger ist als halbgare Sanierungen. Im Jahr 2024, wenn der Pachtvertrag ausläuft, wird das heutige RheinEnergieStadion 20 Jahre alt.

3. Halbe Sachen und Eitelkeiten haben bei Großprojekten nichts zu suchen.

Großbauten aus staatlicher Hand wachsen in Deutschland immer wieder zu Skandalen aus – auch in Köln. Architekten, die die Kosten nach dem Gewinn einer Ausschreibung in die Höhe schrauben, weil es Papa Staat schon irgendwie von den Steuergeldern zahlen wird. Politiker, die sich Denkmäler für ihre Amtszeit setzen wollen. Und Bauarbeiten, die nicht enden, weil hanebüchene Fehler in den Planungen gemacht wurden. Nur verantwortlich will dafür bei staatlichen Bauten niemand sein. Das kann sich der 1. FC Köln in Zukunft nicht mehr leisten. Für das nächste Stadion-Konzept – ob Sanierung, Ausbau oder Neubau – braucht es die Expertise unabhängiger Fachleute sowie den Willen zur Korrektur der Fehler, die vor 20 Jahren gemacht wurden. Die Chance dazu wird kommen. Der FC und die Stadt Köln sind aufgefordert sie zu ergreifen. Halbe Sachen wurden lange genug gemacht.


Alle Artikel zu den „Müngersdorf Papers“

1. Der ursprüngliche Plan: Als die Vision eines neuen FC platzte

2. 69 Stadion-Entwürfe: So lief der Wettbewerb des heutigen Stadions

3. Ausbau war vorgesehen: Fachjuroren favorisierten dieses Stadion

4. Die Chronologie des Stadionbaus in Müngersdorf

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