Heldt und Gisdol trifft keine Schuld an der Skepsis


Der 1. FC Köln verpasst es zwar den Vertrag mit Markus Gisdol zum richtigen Zeitpunkt zu verlängern. Doch der neue Kontrakt soll den neuen Geist verkörpern, mit dem Sportchef Horst Heldt den FC in eine bessere Zukunft führen will. Die Krise ist groß genug, um aus ihr eine Kraft zu entwickeln, mit der dieser Wandel gelingen kann. Die Risiken sind groß. Doch das wären sie auch, wenn man das richtigen Timing für die Verlängerung gefunden hätte.

Ein Kommentar von Marc L. Merten

Dass der FC in der jüngeren Vergangenheit immer wieder mit dem Timing seine Probleme hatte, ist kein Geheimnis. Die Trennung von Peter Stöger nach wochenlanger Hinhaltetaktik war stillos, der Zeitpunkt der Entlassung von Markus Anfang lächerlich, das Herumgeeiere bei Achim Beierlorzer absurd und auch der Zeitpunkt der Bekanntgabe der Trennung von Armin Veh mit Schlusspfiff nach einem hochemotionalen 1:2 gegen Hoffenheim zumindest fragwürdig.

Warum soll Gisdol keine Verlängerung verdient haben?

Trennungen jedoch sind generell schwierige Fälle, Vertragsverlängerungen hingegen sollen Positives vermitteln. Doch wie schon bei Gisdols Präsentation im November will auch jetzt keine echte Begeisterung über die Verlängerung aufkommen. Dabei steht außer Frage, was Gisdol geleistet hat: Er kam zu einem Zeitpunkt, als sonst kein Trainer kommen wollte. Er riss das Ruder herum, als niemand mehr dran glaubte. Er legte mit seiner Mannschaft eine Serie hin, die erst recht niemand für möglich hielt. Und er schaffte letztlich den Klassenerhalt, der für die Geißböcke überlebenswichtig war und auch nächste Saison sein wird. Warum soll dieser Mann also keine Vertragsverlängerung verdient haben?

Trotzdem muss sich Markus Gisdol dieser Tage ein wenig an die Zeit rund um seine Ernennung zum FC-Coach erinnert fühlen. Schon wieder schlägt ihm Skepsis entgegen, wie schon im November. Doch Gisdol braucht sich nicht grämen. Er kann nichts dafür. Genauso wenig wie für die Kritik an dem verhältnismäßig späten Start in die Vorbereitung. Das Problem sind die Erfahrungswerte mit dem FC aus der jüngeren Vergangenheit. Wenn eine Mannschaft drei Sommer in Folge (2017 bis 2019) körperlich nicht genug gearbeitet hat, herrscht eine berechtigte Skepsis für den nächsten Sommer vor. Wenn eine Mannschaft in drei Jahren fünf Trainer verheizt, ohne daraus die Lehren für sich zu ziehen und ohne dass der Verein drastische Konsequenzen für die Spieler zieht, herrscht eine berechtige Skepsis für den nächsten Trainer vor. Vor allem dann, wenn dieser zuletzt zehn Spiele nicht mehr gewonnen hat.

Ein selten gewordenes Zeichen des Vertrauens

Dabei könnte gerade dieser Sommer für den 1. FC Köln der große Einschnitt sein. Dabei könnte gerade diese Vorbereitung, dieser Transfermarkt, diese Corona-Krise die große Chance für die Geißböcke darstellen. Klar, die Verlängerung des Vertrags hätte bereits in der Corona-Unterbrechung im April oder Mai erfolgen können. Damals wäre der richtige Zeitpunkt gewesen, alle Seiten schienen sich ohnehin schon einig, zumal der Klassenerhalt schon damals in greifbarer Nähe war. Doch auch die heutige Zeit birgt großes Potential. Vielleicht mal wieder das falsche Timing, dafür aber ein Zeichen des Vertrauens, das selten geworden ist in dieser Branche. Der FC verlängert mit Gisdol in dem vollen Wissen, dass bei einem Fehlstart in die neue Saison der Trainer sofort unter Beschuss stehen würde. Und was das bewirken kann, hat schon Gisdols Vorgänger erlebt. Doch die Kölner wollen endlich einen anderen Weg gehen, langfristiger denken, entwickeln, mit jungen Spielern arbeiten, Kontinuität herbeiführen. Wer davon spricht, muss entsprechende Verträge vergeben. Das ist nun geschehen. Jetzt muss es auch gelebt werden. Von allen – vor allem aber von den Spielern.

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