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Bricht der FC mit einer Jahrzehnte langen Tradition?


Vor exakt einem Jahr, am 9. November 2019, entließ der 1. FC Köln seinen Trainer Achim Beierlorzer. Dies geschah nur wenige Stunden, nachdem die Geißböcke sich noch in der Nacht vom 8. auf den 9.11. von Sportchef Armin Veh getrennt hatten. Ein Jahr später versucht der Klub wieder auf die Füße zu kommen, in der diesjährigen Krise jedoch mit dem Versuch einer Jahrzehnte langen Tradition am Geißbockheim zu trotzen. Kann dies gelingen?

Köln – Sieben Spieltage der Saison 2020/21 sind gespielt. Der 1. FC Köln liegt noch sieglos auf Rang 16, hat drei Punkte geholt (drei Unentschieden) und damit einen Zähler weniger als vor einem Jahr zum gleichen Zeitpunkt in der Saison unter Ex-Coach Achim Beierlorzer. Dieser hatte zwar im gleichen Zeitraum ein Spiel mehr verloren als der heutige Trainer Markus Gisdol, allerdings zumindest einen Sieg (in Freiburg) verzeichnen können. Nur: Hätte Jonas Hector auf Schalke nicht in der Nachspielzeit per Kopf das 1:1 gemacht, hätte das 7. Spiel für Beierlorzer bereits das letzte sein können.

Doch so ging der FC damals – wie auch jetzt – in die Länderspielpause in der Überzeugung, womöglich mit diesem Punktgewinn die Wende eingeleitet zu haben. Vor einem Jahr folgte tatsächlich am 8. Spieltag ein 3:0-Sieg über den SC Paderborn. Doch anschließend ging es steil bergab. Die Niederlage in Mainz, die Pokal-Blamage in Saarbrücken, die Arbeitsverweigerung im Derby in Düsseldorf und schließlich die Last-Minute-Pleite gegen Hoffenheim durch VAR-Elfmeter: Es war das Ende für Achim Beierlorzer und auch für Armin Veh. Das sportliche Duo musste am 8. beziehungsweise 9. November 2019 nach elf Spieltagen, sieben Punkten und auf Platz 17 liegend gehen.

Stigma kurzfristiger Entscheidungen durchbrechen

Der FC hatte zu diesem Zeitpunkt zwei Punkte Rückstand auf Rang 16, drei auf 15, vier auf die Plätze 12 bis 14 und sechs auf Rang elf. Ein Jahr später, nach sieben Spieltagen in der neuen Saison, sind die Rückstände geringer, zumindest bis Rang 12 (zwischen einem und vier Zählern). Allerdings darf es durchaus beunruhigen, dass in der neuen Saison 2020/21 Mannschaften wie der VfB Stuttgart, Werder Bremen, Union Berlin oder der FC Augsburg bereits sieben oder mehr Punkte Vorsprung auf den FC haben. Teams, mit denen sich der FC in dieser Saison eigentlich halbwegs auf Augenhöhe bewegen wollte. Doch diese Vereine spielen bislang ihre Stärken gekonnt aus. Stuttgart nutzt die Aufstiegseuphorie mit einer jungen Mannschaft, Bremen findet unter Florian Kohfeldt wieder in die Spur und Union sowie Augsburg haben sich derart klug vor allem mit erfahrenen Bundesliga-Recken verstärkt (Kruse, Knoche, Caligiuri, Strobl), dass man sich stabil durch die Liga arbeitet – ganz im Gegenteil zum FC.

Dieser hatte freilich andere Probleme in diesem Sommer. Probleme, die bekannt sind und veritable Gründe für einen schwierigen Saisonstart darstellen. Insofern muss man Trainer Gisdol zugute halten, dass er unter schwierigen Umständen die Vorbereitung und die ersten Spieltage absolvieren musste. Zudem nimmt man es Sportchef Horst Heldt ab, dass er sich bei seinem Heimatverein dafür einsetzen will, das Stigma der allzu kurzfristigen Entscheidungen zu durchbrechen: ständige Trainerentlassungen, neue Manager, wilde Kaderplanungen, verantwortungslose Verantwortliche und seelenlose Mannschaften ohne Identifikation und ohne Spielidee. Der FC hat in den letzten 30 Jahren selbst ohne die kurzfristigen Interimstrainer insgesamt 24 Übungsleiter verschlissen. Diesen fatalen Rhythmus von nahezu einem Trainer pro Saison will Heldt durchbrechen. Eine unrühmliche Tradition am Geißbockheim in drei Jahrzehnten, die den Klub in all dieser Zeit letztlich nie dauerhaft zurück in die Erfolgsspur gebracht hatte.

Stresstest für die FC-Bosse

Dass sich ein solcher Bruch mit verheerenden Traditionen nicht innerhalb eines Jahres durchsetzen lässt, und das schon gar nicht in der aktuellen Situation des Klubs, ist dürfte einleuchten. Zumal das Umfeld, die Fans ebenso wie die Medien, durch die letzten Jahrzehnte an ein gewisses Verhaltensmuster am Geißbockheim gewöhnt sind und sich nach drei Punkten aus sieben Spielen respektive 17 sieglosen Spielen in Serie die Erwartungshaltung verfestigt, dass Markus Gisdol nicht mehr lange Zeit bekommen dürfte, die Wende zu schaffen. Doch genau diese Erwartungshaltung von außen wollen die Verantwortlichen, der Vorstand genauso wie die Geschäftsführung, durchbrechen. Zumindest sagen sie dies.

Einerseits bietet diese Saison den perfekten Anlass für den Klub genau dies zu tun. Denn wer kein Geld hat, wer um das finanzielle Überleben kämpft, wer von millionenschweren Altlasten nahezu erdrückt wird, hat kein zusätzliches Geld für Entlassungen und muss fast schon zwangsläufig auf drei Dinge setzen: das vorhandene Trainerteam, den Nachwuchs und die Hoffnung, dass auch beim FC mal eine Wende möglich ist wie in der vergangenen Saison in Bremen mit Florian Kohfeldt, der nach monatelanger Erfolglosigkeit bereits entlassen schien und nun mit Bremen wieder durchstartet. Warum also soll dieser Weg nicht auch beim FC funktionieren? Andererseits sind die oben genannten Gründe auch der Anlass zur Sorge: Denn der FC kann sich in dieser Saison noch weniger als in der Vergangenheit erlauben sich zu verspekulieren und einen Abstieg in Kauf zu nehmen. Denn ein Abstieg könnte dem angeschlagenen Klub auf Jahre hinweg das Genick brechen. Und so werden die nächsten Wochen zu einem enormen Stresstest für die Geißböcke und Verantwortlichen. Der FC muss in die Erfolgsspur zurückfinden, zumindest insofern, als dass man im Abstiegskampf nicht frühzeitig abreißen lassen darf. Dabei darf niemandem der Glaube an das Trainerteam verloren gehen – nicht den FC-Bossen, aber auch nicht den Spielern. Ein Sieg würde da schon helfen.

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