FC-Trainer Steffen Baumgart. (Foto: Bucco)

FC-Trainer Steffen Baumgart. (Foto: Bucco)

Im GEISSBLOG-Interview: Was Steffen Baumgart nach dem Pokal-Aus am meisten gestört hat

In der aktuellen Transferperiode hat der 1. FC Köln bislang vier Spieler abgegeben und einen Neuzugang verpflichtet. Im ersten Teil des großen GEISSBLOG-Interviews spricht Steffen Baumgart unter anderem über die neu formierte Innenverteidigung mit Jeff Chabot sowie die Weiterentwicklung der einzelnen Spieler. Zudem erklärt der Trainer, was ihn nach der Pokal-Pleite gegen den Hamburger SV am meisten gestört hat.

Das Interview führte Marc L. Merten

GEISSBLOG: Herr Baumgart, der 1. FC Köln hat sich mit Jeff Chabot verstärkt. Was erwarten Sie sich von dem Innenverteidiger?

STEFFEN BAUMGART: „Jeff kommt nicht als Nummer eins oder Nummer zwei, sondern als Konkurrent von Timo und Luca. Er ist sehr aggressiv, arbeitet gut am Gegenspieler. Fußballerisch müssen wir dafür sorgen, dass er unseren Weg verstehen lernt und umsetzt. Das ist unsere Aufgabe.“

Was bringt er mit, was die anderen nicht haben?

Ich will niemanden vergleichen. Er hat in Italien einen anderen Fußball gespielt, als wir ihn hier spielen lassen. Entscheidend sind seine Fähigkeiten: sein Zweikampfverhalten, sein linker Fuß, sein Diagonalball im Aufbau. Mir wird viel zu viel drüber diskutiert, dass in der Innenverteidigung links ein Linksfuß spielen muss. Das war bei mir in Paderborn auch nicht der Fall. Klar kann das Vorteile haben, aber das wird mir zu hoch gehängt.

Was macht Ihr System für einen Innenverteidiger so anspruchsvoll?

Nehmen wir Sampdoria Genua: Die Spiele, die ich gesehen habe, waren weniger darauf ausgelegt, dass die Innenverteidiger von hinten rausspielen. Hier wollen wir das. Hier musst du nach vorne spielen, nach vorne verteidigen. Du musst wissen, dass du als Verteidiger keine absichernde Position hast, sondern dass der Raum hinter dir sehr groß ist. Wenn der Gegner das löst, hast du also einen langen Weg nach hinten. Auch, dass du als Innenverteidiger nicht im Zentrum bleibst, sondern nach außen durchsicherst, wenn unsere Außenverteidiger mit nach vorne gehen.

“Eine Karriere verläuft selten geradlinig”

Der FC hat in der Abwehr einen großen Umbruch vorgenommen. Alleine im Winter hat man sich neben Rafa Czichos, der eine neue Chance gesucht hat, von Jorge Meré, Sava Cestic und Noah Katterbach getrennt. Brauchte es diesen Schnitt?

Es geht bei solchen Entscheidungen immer darum: Wem traue ich den nächsten Schritt zu und wem weniger? Noah ist ein talentierter Spieler. Aber eine Karriere verläuft selten geradlinig. Nur, weil du mal was erreicht hast, geht das nicht immer so weiter. Wenn du dann noch Jonas Hector vor dir hast, ist es klar, dass die Chance auf Spielzeit nicht besonders groß ist. Sava mit seinen Stärken hat es möglichweise in einem anderen System einfacher. Und nur, weil man gegen Haaland ein gutes Spiel gemacht hat, ist man noch kein gestandener Bundesliga-Spieler. Auf Jorge konnte sich jeder Trainer hier immer verlassen, aber er hat es trotzdem nie geschafft, sich zu etablieren. Nach vier Jahren muss man dann auch mal eine Entscheidung treffen.

Zumindest bei Noah Katterbach besteht ja auch noch die Chance auf eine Rückkehr.

Noah hat gut trainiert und einen Schritt nach vorne gemacht. Jetzt hat er anderthalb Jahre Zeit, sich zu zeigen. Wir werden gucken, ob das in die richtige Richtung geht. Dann können wir entscheiden, ob es für den FC reicht oder nicht.

Mit Timo Hübers, Luca Kilian und Jeff Chabot hat der FC jetzt eine Innenverteidigung, die gänzlich neu ist – alle kamen in dieser Saison erst nach Köln.

Spieler wie diese drei sind Jungs, die wir für die Zukunft haben wollen und brauchen. Mit ihnen kriegen wir eine gute Stabilität in die Mannschaft. Sie wollen sich entwickeln und werden dem FC langfristig helfen – daran glaube ich.

“Heute gehört Schmitz zu den besten Außenverteidigern Europas”

Zusammen mit einem vierten Innenverteidiger, der als perspektivische Lösung kommen soll: Ist das der Weg, mit diesen jungen Spielern auch Werte für den Klub zu entwickeln?

Das ist auch Teil meiner Aufgabe. Allein mit der Art und Weise, wie wir Fußball spielen, haben wir schon Werte entwickelt. Schauen wir doch mal, wie sich Benno Schmitz entwickelt hat. Welchen Marktwert hatte er denn im letzten Sommer? Heute gehört er mit seinen Daten sogar zu den besten Außenverteidigern Europas.

Andere Beispiele sind Anthony Modeste, Salih Özcan und Dejan Ljubicic.

Warum schießt Tony denn 13 Tore? Weil sich das ganze Spiel verändert hat. Tony hat sich verändert, er ist gesund und klar. Und er hat Spaß. Aber warum hat er Spaß? Wegen des Fußballs, den wir spielen. Spaß hat man ja nicht, weil ich mit den Fingern schnippe und sage: So, jetzt haben wir Spaß. Dazu gehört mehr. Das sieht man den Jungs an. Dejan Ljubicic, Salih Özcan, Marvin Schwäbe – auf solche Spieler schauen gerade sehr viele sehr genau. So sind wir auch interessanter für andere junge Spieler geworden.

Sie haben den Spaß schon angesprochen. Wie lange hat es gebraucht, Ihren Spielern diese Freude zu vermitteln?

Ich rede einfach gerne darüber, was geht. Nehmen wir das erste Gegentor gegen Bochum nach unserem Einwurf. Ich war nicht sauer, dass wir das Tor kassiert haben. Ich sehe in einem Einwurf eine Chance, selbst ein Tor zu machen und nicht die Angst, ein Tor zu kriegen. Deshalb gehe ich auch nicht davon aus, dass ich gegen die Bayern verliere. Davon gehen schon alle anderen aus. Ich gehe davon aus, dass wir eine Chance haben. Und wenn es am Ende doch nicht reicht, gibt es Ursachen. Wir haben beim 0:4 nicht schlecht gespielt. Wir haben einfach nicht die Qualität der Bayern. Da kommt ein Sané rein und spielt zwei Zuckerpässe. Da kann man sagen, wir hätten sie nicht gut verteidigt. Ich sage: Nein, das war einfach Zucker. Genauso muss ich aber auch sagen: Bochum kann auch Fußball spielen. Mittlerweile ist es ja gefühlt schon eine Enttäuschung, wenn wir in Bochum nur einen Punkt holen.

“Wir haben niemandem etwas weggenommen”

War es diese Reaktion, die Sie nach der Pokal-Niederlage gegen den HSV gestört hat?

Mich hat gestört, dass nicht über die Leistung der Mannschaft gesprochen wurde, sondern darüber, dass wir die Riesenchance vergeben hätten, ins Finale zu kommen. Da muss ich sagen: Moment, hier hat sich jahrelang niemand getraut, überhaupt davon zu sprechen, ins Finale kommen zu wollen. Und jetzt tun die Leute so, als hätten wir ihnen was weggenommen. Wir haben niemanden irgendwas weggenommen. Wir sind im Elfmeterschießen gegen eine gute Mannschaft ausgeschieden. Da müssen wir schon das Maß wahren. Aber das ist mir schon als Paderborn-Trainer aufgefallen.

Was meinen Sie?

Ich hatte das Gefühl: In Köln ist man so arrogant, dass man nicht mal gegen Paderborn verlieren darf. Und dann wundert man sich, wenn man in der Zweiten Liga zweimal den Arsch vollkriegt? Wir waren damals mit Paderborn nicht besser. Wir hatten einfach das Quäntchen auf unserer Seite. Mich hat es als Paderborn-Trainer trotzdem total geärgert, wenn wir vom großen FC als kleines Paderborn betrachtet wurden. Wir haben immerhin in derselben Liga gespielt. Ich muss die Leistung des Gegners immer respektieren. Und das hat mir nach dem Spiel gegen den HSV gefehlt.

“Erfolg und Misserfolg liegen nah beieinander”

Sie haben vor dem Spiel gegen die Bayern gesagt: Der FC will auf den FC Bayern aufholen. Wie wollen Sie das angehen? Haben Sie Ihren eigenen FC-Matchplan?

Nein, das würde nicht funktionieren. Wirtschaftlich kann ein Klub Pläne machen. Sportlich finde ich das sehr schwierig. Es gibt Trainer, die kommen in einen Verein und sagen: Ich möchte in den nächsten fünf Jahren dies und das verändern. An so etwas glaube ich nicht. Mein Geschäft geht von Woche zu Woche. Ich habe eine Idee und die verfolge ich. In langen Zeiträumen zu planen, kann ich nicht, weil ich mich als Trainer immer auf dünnem Eis bewege. Erfolg und Misserfolg liegen so nah beieinander.

Wie würden Sie es dann ausdrücken?

Wir wollen die Mannschaft und die Spieler fußballerisch stetig entwickeln. Das sehen wir in den Kleinigkeiten. Nehmen wir ein Beispiel, den Aufbau in einer Dreierkette. Das war bis Bielefeld noch nicht möglich. Dann haben wir gesehen, dass wir ihn unbedingt brauchen. Jetzt können wir ihn und haben unserem Spiel so eine weitere Komponente hinzugefügt. Wir kommen auch immer mehr mit tiefen Läufen ins letzte Drittel. Jetzt müssen wir die Chancen, die wir uns daraus erarbeiten, noch besser verwerten. All das geht nur Schritt für Schritt, Woche für Woche. Natürlich wollen wir auch die jungen Spieler weiterentwickeln und fördern, aber das braucht Zeit.

Morgen erfahrt ihr im zweiten Teil des GEISSBLOG-Interviews, wie Steffen Baumgart die aktuellen Talente einschätzt und was der Trainer zu seiner Vertragssituation sagt.

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