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„Unter Schulterhöhe?“ Kölner Ohnmacht nach Elfmeter-Ärger


Der 1. FC Köln hat das Spiel beim 1. FSV Mainz 05 zwar vor allem aufgrund eigener Fehler mit 1:3 (1:1) verloren. Doch aufgrund eines nicht gegebenen Handelfmeters kochte bei den Geissböcken einmal mehr der Frust über den Videobeweis hoch. Wieder einmal wurde klar: Das Problem des VAR liegt nicht in der Technik, sondern bei den Schiedsrichtern.

Aus Mainz berichtet Marc L. Merten

Der 1. FC Köln fühlte sich an das Auswärtsspiel der Geissböcke in Mainz aus der Saison 2017/18 erinnert. Der FC verlor wegen eines Elfmeters, den es nie hätte geben dürfen. Schiedsrichter Dr. Felix Brych hatte trotz Videobeweises und ohne Konsultieren der Bilder am Spielfeldrand dem FSV einen unberechtigten Elfmeter aufgrund einer Schwalbe gegeben. Das Spiel endete aus Kölner Sicht 0:1.

Zwei Jahre später wurde der FC wieder Opfer menschlichen Versagens trotz vorliegender Technik. Die Geissböcke lagen in Mainz mit 1:2 zurück, als Kingsley Schindler von der rechten Seite in den Strafraum flankte. Moussa Niakhaté stand drei Meter vom Kölner entfernt und wehrte den Ball mit seinem ausgestreckten linken Arm ab. Schiedsrichter Frank Willenborg gab zunächst keinen Elfmeter, schien auch keinen geben zu wollen, als er sich schon in Richtung Mittellinie zum nächsten Mainzer Angriff verabschiedete. Erst nach einem Hinweis seines Videoassistenten ging er doch noch zum Monitor an der Seitenauslinie und besah sich die Videobilder. Zum Entsetzen und Unverständnis der Kölner blieb er bei seiner Entscheidung – kein Elfmeter.

Dann können wir künftig immer die Arme breit raushalten

Seit Sommer 2019 gibt es eine neue Handspiel-Regel (die Formulierung der Regel im Wortlaut hier). Darin steht unter anderem: „Ein Vergehen liegt in der Regel vor, wenn ein Spieler den Ball mit der Hand/dem Arm berührt und seinen Körper aufgrund der Hand-/Armhaltung unnatürlich vergrößert“. Dies war bei Niakhaté der Fall. Darüber hinaus heißt es, ein Vergehen liege „in der Regel vor, wenn […] sich seine Hand/sein Arm über Schulterhöhe befindet“. Letzteres war nicht gegeben, Niakhatés Arm war nicht über Schulterhöhe. Das hätte in der Bewertung der Szene zwar keine Rolle spielen müssen, doch Mainz-Trainer Sandro Schwarz nutzte diese Formulierung hinterher für seine recht exklusive Meinung: „Das war aus kurzer Distanz, und uns wurde vor der Saison gesagt, dass nur bei einer Handhaltung oberhalb der Schulter ein klarer Elfmeter gegeben wird. Deshalb ist das für mich kein klarer Elfmeter.“

Noch während und direkt nach der Pressekonferenz widersprachen FC-Trainer Achim Beierlorzer und Sportchef Armin Veh dem Mainzer Coach deutlich. „Aus kurzer Distanz? Was ist denn Distanz? Drei Meter? Fünf Meter?“, fragte Beierlorzer verärgert. „Das Problem ist: Es ist die Entscheidung eines Menschen. Der Schiedsrichter geht raus, schaut es sich extra noch mal an – und dann fühlt es sich für uns noch beschissener an.“ Sportchef Veh ergänzte: „Dann können wir künftig ja immer, wenn wir im Strafraum sind, die Arme links und rechts breit raushalten, solange es unter Schulterhöhe ist, weil es dann kein Handspiel ist.“

Ich darf nichts sagen, sonst zahle ich wieder eine Strafe

Überhaupt konnte sich der 58-Jährige nur schwer im Zaum halten. Nicht nur, dass ein Strafstoß den Geissböcken die Chance zum 2:2-Ausgleich gegeben hätte. Handspieler Niakhaté hatte drei Minuten zuvor die Gelbe Karte gesehen und wäre in dieser Szene, als Handspiel bewertet, Gelb-Rot-gefährdet gewesen. Doch Schiri Willenborg verschonte Mainz und Niakhaté und demonstrierte einmal mehr: Das Problem des Videobeweises ist nicht die Technik, sondern die Umsetzung der Schiedsrichter. „Wenn es keinen Videobeweis gäbe und man es nicht sehen würde, dann wäre das okay“, echauffierte sich Veh. „Aber wenn der Schiedsrichter rausgeht, es sich anschaut und dann keinen Elfmeter gibt, ist das für mich unfassbar. Was soll ich da noch sagen? Aber ich darf ja eh nichts sagen, sonst zahle ich sofort wieder eine Strafe, weil ich angeblich unsportlich bin. Jetzt erlebe ich diese Szene hier, muss ruhig sein und sagen: Alles ist gut. Hut ab!“

Seit vielen Jahren fordern Experten vom Deutschen Fußball-Bund, das Schiedsrichterwesen zu professionalisieren. Noch immer sind die Bundesliga-Referees keine Profis, sondern üben ihre Tätigkeit offiziell nebenberuflich aus. Zwar haben einige Schiedsrichter inzwischen ihre eigentlichen Berufe aufgegeben, um sich auf ihre Tätigkeit als Spielleiter zu konzentrieren. Doch der DFB hat noch immer keinen offiziellen Profi-Status für Schiedsrichter eingeführt. Und das, obwohl die Gehälter der Erst- und Zweitliga-Referees längst in entsprechende Höhen geschnellt sind. Vom Zweitliga- bis hin zum erfahrenen Erstliga- und FIFA-Schiedsrichter liegen die Grundgehälter zwischen 40.000 und 80.000 Euro. Dazu kommen Einsatzprämien von 1250 bis 5000 Euro pro Spiel. Erfahrene Bundesliga-Schiedsrichter kommen somit im Laufe einer Saison auf ein Einkommen von 100.000 bis 200.000 Euro. Trotzdem sperrt sich der Verband weiterhin gegen die Einführung von Profi-Schiedsrichtern mit einer entsprechend fortlaufenden Ausbildung und Schulung, um Fehler wie am Freitagabend in Mainz künftig zu minimieren.

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