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Kölner Siegesserie: Wille geht über Substanzverlust


Der 1. FC Köln feiert mit dem 2:1-Erfolg in Paderborn den dritten Sieg in Serie. Die Geissböcke trotzen allen Widerständen, machen weiter ihr Ding. Von Spiel zu Spiel, so vollzieht Trainer Markus Gisdol mit dem FC das Wunder, das den Klub vom letzten Tabellenplatz auf Rang zehn geführt hat. Beim SCP gab es zudem eine süße Revanche für so manchen FC-Profi, der in der Zweiten Liga schon dabei war. Nur ein Thema ist noch tabu: das Wort mit den sechs Buchstaben.

Geschichte des Spiels: Als der 1. FC Köln in der Zweiten Liga beim SC Paderborn ran musste, führten die Geissböcke ebenfalls bereits mit 2:0. Dann aber drehte der Gastgeber die Partie noch durch drei späte Tore. Es war ein Freitagabend im Februar 2019. Am Freitagabend im März 2020 hingegen behielt der FC auch nach 90 Minuten die Oberhand. Dabei war es reichlich knapp. Vor einem Jahr waren es zwei Sonntagsschüsse gewesen, die Paderborn den Sieg brachten. Den Sonntagsschuss an diesem Freitagabend von Abdelhamid Sabiri aus über 35 Metern hingegen konnte Timo Horn gerade noch an die Latte lenken. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn dieser Ball eingeschlagen wäre. So aber wehrte Horn die Schlussoffensive des Sport-Clubs erfolgreich ab und bescherte den Geissböcken die erhoffte Revanche für das traumatische Erlebnis vor 13 Monaten.

Das Ergebnis: Das 2:1 war ein verdientes Ergebnis für die reifere, bessere, wenngleich nicht souveränere Mannschaft. Der 1. FC Köln spielte in Hälfte eins so, wie es in Paderborn nötig ist. Jorge Meré nach einem Eckball und Jonas Hector mit einem Traumtor – beide Treffer aufgelegt von Mark Uth – bescherten den Geissböcken die erhoffte Führung. Am Kölner Sieg änderte auch das Anschlusstor von Dennis Srbeny nichts mehr.

Szene des Spiels: Noch mal ein kleiner Rückblick. Anthony Modeste hatte vor 13 Monaten in seinem ersten Spiel nach seiner Rückkehr zum FC in Paderborn direkt nach seiner Einwechslung getroffen. Nun durfte er erstmals seit Mitte Dezember wieder von Beginn an ran und hätte beinahe getroffen. Aber nur beinahe, denn in der 79. Minute schob er den Ball nach einem Konter am leeren Tor vorbei. An jenem Tor, in das er vor 13 Monaten getroffen hatte. Es wäre Modestes zweiter Saisontreffer gewesen. Der Franzose hätte ihn sich verdient gehabt, ging am Ende aber leer aus. Nicht so seine Mannschaft mit drei Punkten im Gepäck.

Auswechslung des Spiels: Als Elvis Rexhbecaj in der 74. Minute für Jonas Hector in die Partie kam, wurde wohl dem einen oder anderen Fan bewusst, was die Geissböcke in den letzten Monaten geleistet haben. Der FC-Kapitän musste angeschlagen raus. Einer der Dauerläufer der Geissböcke geht dieser Tage etwas auf dem Zahnfleisch. Schon gegen Hertha mit muskulären Problemen, nun erneut. Überhaupt häufen sich gerade beim FC die Verletzungen, siehe Sebastiaan Bornauw. Die Kölner mussten im Winter Kondition bolzen, mussten in kurzer Zeit die absurd großen Rückstände aufholen, die man sich im Sommer durch schlechte körperliche Arbeit eingehandelt hatte. Die Zusatzschichten fordern nun bei dem einen oder anderen Spieler ihren Tribut. Seit Wochen setzt sich der FC auch dank seines Willens in den Spielen durch. Doch der Substanzverlust ist nicht von der Hand zu weisen. Gut, dass bald Länderspielpause ist. Da können die Geissböcke noch mal durchschnaufen, ehe es in den Saisonendspurt geht.

Zitat des Spiels: „Es läuft momentan ganz gut.“ (Mark Uth)

Erkenntnis des Spiels: Ganz gut. Ja, dieses Understatement hat den 1. FC Köln dahin gebracht, wo man aktuell steht. Dank der bislang besten Rückrunde seit 31 Jahren und acht Siegen aus den letzten zehn Spielen sind die Geissböcke die Mannschaft der Stunde in der Bundesliga. Co-Trainer André Pawlak erlebte in der vergangenen Saison mit der U21 in der Regionalliga eine Rückrunde, in der er irgendwann erklärte: „Wir haben nicht das Gefühl, uns könnte irgendjemand schlagen.“ Gerade dürfte sich Pawlak daran erinnert fühlen. Die FC-Profis machen nicht den Eindruck, ihnen könnte eine Mannschaft oder ein Spielverlauf irgendetwas anhaben. Ausfälle werden reihenweise kompensiert, vorne wie hinten haben sich die Mannschaftsteile gefunden, jeder Spieler ist genauso heiß auf das Angreifen wie auf das Verteidigen. Der Klassenerhalt scheint plötzlich nur noch Formsache zu sein. Und jetzt kommen auch noch drei Spiele, in denen es keine Extra-Motivion braucht: das Derby in Gladbach, das Wiedersehen mit Achim Beierlorzer und das Derby gegen Düsseldorf. Drei Spiele, die entscheiden werden, wohin es für den FC in dieser Saison noch gehen kann.

Die unerzählte Geschichte des Spiels: Es ist das Wort, über das keiner reden will, obwohl es die Fans besingen. Europa. Sechs Buchstaben, die elektrisieren. Markus Gisdol sagte, Köln sei verrückt. „Die Fans haben ja schon beim Sieg gegen Leverkusen vom Europapokal gesungen.“ Richtig, stimmt. Da hatte noch eine gehörige Portion Ironie mitgeklungen. Heute ist diese Ironie bei vielen Fans einer realen Hoffnung gewichen. Vor allem, weil – und das ist die unerzählte Geschichte des Freitagabends – am Samstag wieder fast alle Ergebnisse für den FC ausfielen. Hertha und Bremen nahmen sich die Punkte im Tabellenkeller gegenseitig weg, und im Kampf um Europa konnten Wolfsburg, Schalke und Hoffenheim nicht gewinnen. Derweil verloren Frankfurt und Union, konnten Köln also nicht von Rang zehn verdrängen. So ist Rang sieben (bei einem FC-Spiel weniger) nur vier Punkte entfernt, Rang sechs nur fünf Zähler. Was verrückt klingt, passt zu dieser Achterbahnfahrt einer Bundesliga-Saison. Allerdings hatte Sportchef Horst Heldt mit seinem Fazit nach dem Paderborn-Sieg ebenfalls Recht: „32 Zähler reichen noch nicht für den Klassenerhalt.“ Erst wenn dieser rechnerisch fest steht, dürfen sich die Kölner neue Ziele setzen. Erst dann.

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