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Volkssport ohne Volk? Heldt hofft auf Weckruf für die Liga


Zweitligist Dynamo Dresden muss nach positiven Corona-Fällen für zwei Wochen in Quarantäne. Noch bevor der Profifußball wieder spielt, schwankt der Plan der Deutschen Fußball Liga wieder, die 1. und 2. Liga bis zum 30. Juni zu Ende zu bringen. Ohnehin dient dieses Ziel für die Saison 2019/20 nicht viel mehr als dem Selbsterhalt. Horst Heldt findet daher mahnende Worte an das Bundesliga-Business.

Köln – Als die Nachricht aus Dresden nach Köln durchsickerte, hatte der 1. FC Köln gerade den ersten sportlichen Härtetest des eigenen Quarantäne-Trainingslagers absolviert. In einem von Ordnern bewachten RheinEnergieStadion hatte Trainer Markus Gisdol seine Spieler in einem Testspiel gegeneinander antreten lassen. In den ersten Monaten unter Gisdol war der FC mit diesem inszenierten Wettkampf gut gefahren, ob gegen die U19 und U21 oder in gemischten Teams – die Geissböcke wollten auch jetzt vor leeren Rängen den Ernstfall proben und sich an die neue Situation von Geisterspielen gewöhnen.

Eine Situation, in der Fußballspiele ohne Öffentlichkeit stattfinden sollen, zwar im Fernsehen übertragen, aber ohne dass es einen Kontakt zur Außenwelt gäbe. Keine Zuschauer in den Stadien, kein Kontakt zwischen Spielern und Fans, die Abschottung der Vereine, die Abriegelung der Arenen, keine öffentlichen Trainings, keine Interviews, keine Autogramme, keine Selfies. Ein Volkssport ohne Volk.

Selbsterhalt als Antrieb

Noch vor einer Woche hatte BVB-Boss Hans-Joachim Watzke erklärt: „In diesem geschlossenen System bin ich ziemlich sicher, dass wir es hinkriegen, dass es keinen Fall gibt.“ Diese Hoffnung ist durch Dynamo Dresden nun zumindest ins Wanken geraten. Allerdings hatte Watzke mit seinem Hinweis auf das geschlossene System Fußball trotzdem Recht. Der Profifußball existiert von nun an erst einmal nur noch für sich. Man wird zwar erklären, dass die TV-Übertragungen den Fußball zu den Menschen nach Hause bringen werden. Doch die Fernsehbilder werden auf unbestimmte Zeit die einzigen Einblicke in einen Mikrokosmos bleiben, der sich abschotten muss, um weiter existieren zu können. Selbsterhalt, so lautet der Antrieb der Verantwortlichen der Liga und der Vereine für die kommenden Monate – mit noch unvorhersehbaren Folgen für das Image des Fußballs in der Gesellschaft, der zuletzt auch um die finanzielle Unterstützung seiner Fans bat, sich nun aber erst einmal von genau diesen abkapselt.

Manche werden erst merken, wie wichtig die Fans im Stadion sind

Auch deswegen sagte FC-Sportchef Horst Heldt am Wochenende dem Weser Kurier: „Wir werden alle spüren, wie sehr uns die Zuschauer auf den Rängen fehlen. Es wird das Bewusstsein noch einmal schärfen, dass die Zuschauer elementar wichtig sind. Und vielleicht bringt es uns dazu, dass wir noch mehr auf die Bedürfnisse der Menschen eingehen, die in die Stadien kommen. Wenn man ohne Zuschauer spielt, merken manche erst, wie wichtig die Fans im Stadion sind.“ Heldt hatte schon bei seinem Amtsantritt in Köln erklärt, das Bundesliga-Business müsse sich hinterfragen. Die Coronavirus-Pandemie zwingt nun so manchen Funktionär sich dieser Frage auch wirklich zu stellen. Daher hofft Heldt auch, dass die von der DFL angekündigte Taskforce zum Image der Fußball-Branche nicht nur intern besetzt wird. „Wir müssen Leute mit ins Boot nehmen, die eine andere Sichtweise haben und andere Ideen einbringen. Fans, Politiker, Medien oder auch Menschen, die sich mit Ethik beschäftigen. Auch die Sponsoren aus der Wirtschaft gehören dazu.“

Schnelle Veränderungen dürfte es aber kaum geben. Erst einmal will der deutsche Profifußball überleben – und das Beispiel Dresden zeigt, was für einen Ritt auf der Rasierklinge dies werden dürfte. Da die Erst- und Zweitligisten nun wieder mannschaftlich trainieren, bedeutet jeder positive Test nach den Regeln der Gesundheitsämter: Quarantäne für die gesamte Mannschaft. Zwei Wochen lang kein Training, keine Spiele. Jeder positive Test würde damit die Verschiebung mehrerer Spiele zur Folge haben. „Wir haben gesagt, dass wir uns auf solche Fälle einstellen müssen“, sagte DFL-Chef Christian Seifert am Samstagabend im ZDF. „Wir machen uns nächste Woche Gedanken, wie wir mit den Spielen von Dynamo Dresden umgehen.“ Aktuell, so Seifert, sei der weitere Verlauf der Zweiten Liga nicht gefährdet. „81 Spiele stehen in der Zweiten Liga an. Es bedeutet nun, dass zwei Spiele von Dresden nicht gespielt werden können. Wir ändern jetzt nicht das Ziel, sondern den Plan.“ In der Hoffnung, dass keine weiteren positiven Tests dazu kommen.

Positive Tests machen fairen Wettkampf hinfällig

Denn klar ist auch: Jede Mannschaft, die zwei Wochen vollständig aus dem Training aussteigen und in Quarantäne muss, erleidet nicht nur einen gesundheitlichen Rückschlag. Die betroffene Mannschaft würde im sportlichen Konkurrenzkampf mit dem Rest der Liga in Rückstand geraten. Kein Rhythmus, kein Training, keine Spielpraxis: Als erstes Team muss sich Dynamo Dresden mit dem Gedanken anfreunden, dass es mit der Chancengleichheit nun wohl dahin ist – und das ausgerechnet im Abstiegskampf der Zweiten Liga. Es dürfte der Deutschen Fußball Liga von vorne herein bewusst gewesen sein, dass solche Fälle auftreten können. Doch jeder weitere positive Fall würde nicht nur den engen Zeitplan gefährden, den sich der Verband und die Klubs auferlegt habe, sondern auch den sportlich fairen Wettbewerb.

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