Christian Keller und Steffen Baumgart. (Foto: Bucco)

Christian Keller und Steffen Baumgart. (Foto: Bucco)

Keller: Dieser Gladbacher stand auf Kölns Transfer-Liste

Christian Keller hat den Auftrag, den 1. FC Köln zu sanieren. Dafür muss der Sport-Geschäftsführer den Klub auf links drehen – im sportlichen Bereich, aber auch im Dialog mit jenen, die dem sportlichen Bereich nahe stehen. Dazu gehören auch die Fans. Der Sportchef spricht im GEISSBLOG-Interview über die Lehren aus Nizza, den Transfersommer und den Einfluss der Finanzen. (Teil 1 des Interviews gibt es hier)

Das Interview führten Sonja Eich und Marc L. Merten

Der FC hat trotz aller finanzieller Sorgen in diesem Sommer keine Leihspieler geholt. Warum nicht?

„Das war schon eine Option, aber die Leihspieler, die verfügbar waren, waren für uns kein Thema – oder konnten nicht. Zum Beispiel Jordan Beyer von Borussia Mönchengladbach. Er ist ein guter Spieler, aber wäre es klug für den FC, einen Spieler aus Gladbach zu leihen? Und wäre es klug für den Spieler?“

Es hat trotzdem überrascht, dass Sie nicht nur keine Leihspieler verpflichtet haben, sondern auch Millionenablösen ausgegeben haben. Wie geht das mit der finanziellen Schieflage des Klubs zusammen?

„Wir hatten die Aufgabe, den Personalaufwand im achtstelligen Bereich zu reduzieren und im achtstelligen Bereich Transfererlöse zu erzielen. Das ist uns beides gelungen. Nur so konnten wir die Saison finanziell glattziehen. Und dann muss man bedenken: Wenn man einen Spieler zum Beispiel für zwei Millionen Euro holt und ihm einen Vier-Jahres-Vertrag gibt, wird das Ergebnis nur in Höhe der Abschreibung plus der Nebenkosten belastet.“

Sargis Adamyan wird in jedem Vertragsjahr seine Verpflichtung rechtfertigen

Christian Keller

Können Sie das für die Nicht-Finanzer erklären?

„Abgeschrieben wird linear über die Vertragslaufzeit, also in unserem Beispiel zwei Millionen Euro Ablöse auf vier Jahre – 500.000 Euro belasten jährlich das Ergebnis. Die Nebenkosten sind das Beraterhonorar. Und dann bleibt die Frage der Liquidität, das heißt, ob du die gesamte Summe sofort zahlen musst oder später bzw. in Raten. Das ist Verhandlungssache.“

Ein Transfer im Sommer hat insofern überrascht, als dass der FC eigentlich von solchen Transfers Abstand nehmen wollte. Ein 29-Jähriger kostet Ablöse, die sich der FC kaum leisten kann, und bekommt dann noch einen Vier-Jahres-Vertrag. Etwas provokant gesagt: Solche Deals kannte man vorher eigentlich eher von Horst Heldt oder Armin Veh. Warum ist Sargis Adamyan anders?

„Sie werden sehen, dass Sargis Adamyan in jedem Vertragsjahr seine Verpflichtung rechtfertigen wird. Darauf können Sie mich auch in vier Jahren noch mal ansprechen, wenn dieses Büro bis dahin nicht anderweitig besetzt sein sollte (lacht). Sargis ist ein charakterlich integrer, kluger Spieler, mit dem man sehr gut arbeiten kann, der annimmt, was man ihm sagt. Er bringt physisch für den modernen Fußball hervorragende Eigenschaften mit, war zum Zeitpunkt seines Wechsels nach Hoffenheim einer der zehn schnellsten Spieler im deutschen Profifußball und ist nicht langsamer geworden. Die anderen vielleicht schneller, aber er kann in der Spitze zwischen 34 und 35 km/h laufen. Er kann ins Eins-gegen-Eins gehen, hat einen beidfüßigen Abschluss und eine gute Bereitschaft gegen den Ball zu arbeiten. Mit seiner individuellen Qualität haben wir uns in der Spitze verbessert.“

Er braucht aber noch Zeit.

Sargis hat seine Qualität bislang nur in Sequenzen angedeutet. Das liegt aber auch daran, dass er im Sommer drei Wochen lang in Absprache mit Hoffenheim gar nicht trainiert hat. Er hatte kein athletisches Individualprogramm und ist dann bei uns zwei Wochen später in die Saisonvorbereitung eingestiegen. Er konnte deshalb bislang noch gar nicht die höchste Intensität bringen. Aber er kommt jetzt und er wird immer wieder für Tore gut sein.

Ein anderer Spieler steht quasi ständig in der Kritik: Ondrej Duda. Er hätte im Sommer gehen dürfen, jetzt ist er weiter da. Seine Leistungen waren bislang in dieser Saison ausbaufähig. Wie sehen Sie seine Situation?

Zunächst einmal: Ondrej hat hier einen Vertrag bis 2024. Und da wiederhole ich gebetsmühlenartig: Jeder Spieler, der einen Vertrag hat, sich korrekt verhält und versucht sein Bestes auf den Platz zu bringen, ist hier herzlich willkommen. Und das gilt auch für Ondrej. Er macht das, was wir von ihm erwarten. Dass er selbst auch einen anderen Anspruch an sein Spiel hat, ist klar. Gerade mit dem Ball hat er gute Fähigkeiten, die er noch besser einbringen könnte. Er muss dran bleiben.

Im Winter sollten alle Spieler wissen, woran sie sind

Christian Keller

Blicken wir mal nach vorne: Steffen Baumgart hat sich gewünscht, dass auch die 2023 auslaufenden Verträge seiner Trainerkollegen verlängert werden. Gibt es da schon etwas zu vermelden?

Wir haben mit allen Trainern gesprochen, deren Verträge auslaufen. Die Gespräche waren positiv. Das muss jetzt formalisiert werden, dann können wir etwas vermelden.

2023 laufen aktuell auch zehn Spielerverträge aus. Mit welchen Spielern werden Sie als erstes sprechen?

Diese Frage werde ich natürlich so nicht beantworten. Alle Spieler sind wichtig, das Kollektiv steht über allem.

Ein Kollektiv mit Kapitän Jonas Hector an der Spitze, dessen Vertrag ebenfalls ausläuft.

Ich werde mit allen Spielern frühzeitig sprechen, deren Verträge auslaufen. Das gebietet der Anstand. Der Verein sollte nicht nur mit einem Spieler sprechen, wenn man verlängern möchte, sondern noch viel eher, wenn der Verein sagen will: Unter diesen Bedingungen können wir uns gerade nicht vorstellen zu verlängern. Ich werde keinen Spieler bis Mitte Mai 2023 hinhalten, ehe ich ihm sage: Wir werden nicht verlängern. Im Winter sollten alle wissen, woran sie sind.

Ellyes Skhiri hat selbst gesagt, im Sommer hätte es eigentlich heißen müssen: verlängern oder verkaufen! Jetzt ist er doch geblieben, aber auch sein Vertrag läuft 2023 aus. Führen Sie schon Gespräche über eine Verlängerung?

Als erstens: Ellyes ist ein super Spieler – und zwar im Gesamtpaket: Charakter, Physis, Technik, Taktik. Ganz stark. Und zweitens: Ich werde mit allen Spielern reden (lacht).

Wir könnten im Winter etwas machen, wenn die Notwendigkeit bestünde

Christian Keller

Okay, versuchen wir es mit einem anderen Thema. Nach der Transferperiode ist vor der Transferperiode. Wäre der FC finanziell in der Lage im Winter personell noch mal nachzulegen?

Wir werden, sollte die Pandemie nicht noch einmal zuschlagen und es nicht wieder zu massiven Zuschauerbeschränkungen kommen, in diesem Geschäftsjahr ein positives Ergebnis erzielen. Sollte uns das gelingen, legen wir damit den Grundstein für die Gesundung des FC. Denn klar laufen 2023 einige Verträge aus, nicht nur von Spielern, auch von Dienstleistern. Verträge, die aus finanzieller Perspektive nicht immer gut für uns sind. Mit etwas Vorlauf werden wir also einiges ändern können. Wir sind die kommenden Jahre auf Gedeih und Verderb auf positive Jahresergebnisse in Serie angewiesen. Nur so werden wir in der Lage sein, in den nächsten Jahren die über 80 Mio. Euro Verpflichtungen zurückzuzahlen, die derzeit auf dem FC lasten. Und dann reden wir ja auch noch davon, dass wir hier bauen und unsere Infrastruktur modernisieren wollen. Das wird eine riesige Herausforderung. Es ist deshalb alternativlos den FC zunächst zu gesunden, um ihn langfristig auch wieder investitionsfähig zu machen.“

Heißt das, dass sich der FC im Winter keine Transfers wird leisten können, weil es zwingend ein positives Jahresergebnis braucht?

Wir könnten im Winter etwas machen, wenn die Notwendigkeit bestünde. Ob es zielführend wäre, werden wir erst bewerten können, wenn es so weit ist. In jedem Fall würde es finanziell arg im Rahmen bleiben. Wir sollten lieber jetzt schon darüber nachdenken, wie wir im nächsten Sommer gezielt Bausteine zum Kader hinzufügen können.

Wird dazu auch gehören, dass sich der FC noch früher um Spieler mit einer gewissen Qualität bemühen muss, wenn diese 2023 ablösefrei sind?

Wir wollen im nächsten Jahr sicher früher dran sein. Wir waren zwar schon in diesem Jahr verhältnismäßig früh dran, aber wenn du die richtig guten ablösefreien Spieler suchst, ist April ein bisschen spät.

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