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Sportmediziner kritisiert Lehmann: „Infektion alles andere als harmlos“


Wenn am kommenden Wochenende die Bundesliga ihren Spielbetrieb wieder aufnimmt, geht es auch um die Gesundheit der Spieler. Hertha BSC-Aufsichtsratmitglied Jens Lehmann erklärte kürzlich, dass eine Coronavirus-Infektion für junge, gesunde Spieler wohl nicht so schlimm sei. Sportmediziner Wilhelm Bloch zeigte für diese Aussagen jedoch nur wenig Verständnis und machte die Risiken der Infektion und einer zu schnellen Wiederaufnahme des Spielbetriebs deutlich.

Köln – Hertha BSC sorgte dieser Tage für einiges an Kopfschütteln in der Fußball-Bundesliga. Erst geriet der Hauptstadtklub aufgrund des bizarren Videos von Stürmer Salomon Kalou harsch in die Kritik. Mit seiner Demonstration der nicht eingehaltenen Hygienevorschriften in der Berliner Kabine trat der 34-jährige das Sicherheitskonzept der DFL mit Füßen. Und nun sorgte das neue Aufsichtsratsmitglied des Bundesligisten, Jens Lehmann, erneut für Aufruhr.

Spieler müssen damit zurecht kommen

In einem Interview mit dem TV-Sender beIN Sports verharmloste der ehemalige deutsche Nationaltorhüter die Folgen des Coronavirus. „Solange die Symptome nicht so schlimm sind, denke ich, müssen die Spieler damit zurechtkommen. Für junge, gesunde Menschen mit einem starken Immunsystem ist das keine so große Sorge.“ Aussagen, die für Sportmediziner Wilhelm Bloch der Deutschen Sporthochschule Köln nicht haltbar sind: „Das halte ich für eine Verharmlosung. Solche Aussagen sind aus medizinischer Sicht schwer nachvollziehbar“, erklärte der Wissenschaftler kürzlich dem SID. In einem Interview mit der Agentur DW ging der Mediziner noch weiter: „Die Infektion ist extrem tückisch, weil sie sowohl das Immunsystem angreift als auch die Gefäße des Herzkreislauf-Systems und anderer Organe. Das Virus ist alles andere als harmlos, und das nicht nur für Risikogruppen. Die Lunge kann beeinträchtigt werden, ohne dass der Fußballer es großartig bemerkt. Es kann zu kleinen Vernarbungen in der Lunge kommen. Die heilen nicht einfach kurzfristig aus. Eine Narbe ist eben eine Narbe.“

Beim 1. FC Köln sind bekanntermaßen Niklas Hauptmann und Ismail Jakobs von dem Virus betroffen gewesen. Am Donnerstag endet für die beiden Spieler die 14-tägige häusliche Quarantäne. Nach zwei negativen Tests soll das Duo wieder ins Mannschaftstraining der Geißböcke einsteigen können. Für Bloch viel zu früh: „Die Gefahr ist nicht zu vernachlässigen. Nach überstandener Infektion sollte meiner Ansicht nach für vier Wochen das Training stark reduziert oder ganz eingestellt bleiben, je nach Verlauf der Infektion sogar noch deutlich länger.“ Auch wenn eine Infektion wie bei Jakobs und Hauptmann ohne Symptome verlaufe, könne man erst nach eingehender Untersuchung feststellen, ob das Virus Schäden verursacht habe. „Wir wissen ja gar nicht, für welche bleibenden Schäden die Infektion sorgt, selbst wenn sie moderat verläuft. Man kann nicht ausschließen, dass ein paar Prozentpunkte des Gewebes weg sind. Im Alltag mag sich das nicht auswirken, aber im Hochleistungssport verlieren sie ein paar Körner. Bei einem Spitzensportler kann das zu einem Karriereknick führen“, glaubt der 61-jährige.

Ich habe dabei Bauchschmerzen

Dass die Bundesliga am kommenden Wochenende wieder ihren Spielbetrieb aufnimmt, kommt für den Sportmediziner zu früh: „Ja, ich habe dabei Bauchschmerzen“, gibt Bloch zu. Denn auch für die Spieler, die nicht mit dem Coronavirus infiziert waren, birgt die Wiederaufnahme ein erhöhtes Risiko. Vor allem die kurze Vorbereitungszeit sei dabei ein Risikofaktor. „Wir müssen davon ausgehen, dass nicht alle in den Kleingruppen und im Home-Training maximal gut gearbeitet haben. Die Akkus werden also wahrscheinlich nicht ganz voll sein, sodass bei hohen Belastungen, wie sie im Spiel auftreten, Probleme entstehen können.“ Vor allem die vorzeitige Ermüdung der Spieler schade der muskulären Koordination und könne zu strukturellen Verletzungen führen. „Ein ermüdeter Sportler in einer ungünstigen Situation, im Zweikampf, ist dann einfach gefährdeter.“ Auch der FIFA ist diese Problematik bewusst. Mit einer vorübergehenden Aufstockung des Wechselkontingents von drei auf fünf Auswechslungen pro Spiel, soll der erhöhten Belastung für die Spieler entgegengewirkt werden. Am Donnerstag will die DFL darüber entscheiden, ob sie diese Regeländerung für den Rest der Saison auch in der Bundesliga und Zweiten Liga einführt.

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