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Der entfachte Streit: Corona, Finanzen und Investoren


Die Corona-Krise hat zahlreiche Probleme des Profi-Fußballs nicht nur in Deutschland offenbart. Längst ist nicht nur hinter den Kulissen ein Kampf der Kulturen entbrannt zwischen den reichen und Investoren-getriebenen Klubs sowie den kleineren, meist noch vereinsgeführten Teams. Der 1. FC Köln könnte in dieser Gemengelage zu den großen Leidtragenden der aktuellen Entwicklungen gehören. 

Von Sonja Eich und Marc L. Merten

Kein Geld für Transfers, ein zu großer finanzieller Fußabdruck aus den letzten drei Jahren, dazu eine sich immer weiter öffnende Schere in der Bundesliga, durch die Corona-Krise noch einmal verschärft: Der 1. FC Köln muss aufpassen, dass er sportlich und finanziell in den kommenden Monaten nicht in arge Schieflage gerät und den Anschluss verliert. Fünf Probleme sehen nicht nur die Bosse der Geißböcke unmittelbar vor der Bundesliga aufsteigen, die zu einer gravierenden Veränderung des Liga-Gesichts führen könnte.

1. TV-Gelder: Je erfolgreicher, desto reicher

Die neue TV-Gelder-Tabelle der Bundesliga beschert dem 1. FC Köln in der kommenden Saison 40,34 Mio. Euro Einnahmen. Nur drei Klubs (Stuttgart, Union Berlin, Bielefeld) kassieren weniger. Das hat sich der FC selbst zuzuschreiben. Ein Sieg über Bremen am 34. Spieltag hätte sechs Mio. Euro mehr bedeutet. Doch generell zeigt die TV-Gelder-Tabelle auch: Wer in den letzten Jahren erfolgreich war, kassiert auch mehr. Eigentlich eine logische Verteilung. Schließlich soll Erfolg auch honoriert werden. Doch umfasst diese Regel alle Aspekte? Darüber streiten die Bundesliga-Gelehrten. Zementiert diese Regelung nicht viel eher die bestehenden Kräfteverhältnisse? Wäre eine andere Verteilung gerechter? Aber nach welchen Kriterien? Sicher darf Misserfolg in einer Saison mit finanziellem Gewinn in der Folgesaison nicht belohnt werden. Doch die TV-Rechte werden auch wegen den Einschaltquoten so gut von den TV-Sendern bezahlt. Welche Klubs aber liefern die meisten Zuschauer? Sind dies nur die erfolgreichen Klubs? Mitnichten! Bundesliga-Vorsprecher wie Alexander Wehrle oder Andreas Rettig setzen sich für mehr Faktoren ein, die zur Verteilung der Gelder führen sollen. „Du kriegst immer mehr Geld aus dem Topf, je besser du dich platzierst“, sagte unlängst Rettig im kicker. „Das führt zu dem Rattenrennen: Du musst mehr Gelder generieren, damit du an diese Fleischtöpfe kommst.“ Die Topklubs, vor allem der FC Bayern, argumentieren, die aktuelle Regelung sei nötig, damit die besten Bundesliga-Klubs international wettbewerbsfähig seien. Doch ist die nationale Liga wirklich für das Vorankommen des FC Bayern in der Champions League verantwortlich? „Natürlich müssen unsere Vereine international wettbewerbsfähig sein, andererseits muss der nationale Wettbewerb ausgeglichen sein“, sagte Wehrle jüngst dem GEISSBLOG.KOELN. „Alle Vereine haben eine Daseinsberechtigung. Dafür gilt es einzustehen.“

2. Investoren: Je reicher, desto erfolgreicher

Aktuell gilt die Verteilung, wie sie ist – und diese sieht vor, dass mehr Erfolg auch mehr Reichtum bedeutet. Doch andersrum, so überlegen sich einige Klubs nun, könnte es auch gehen: Je mehr man investiert, desto erfolgreicher schneidet man ab. Deswegen sagte Rettig auch, dass die momentane „ungleiche Verteilung“  viele Klubs „Investoren in die Arme“ treibe – siehe Hertha BSC. Nur Borussia Mönchengladbach unter den Top sieben der für Europa qualifizierten Klubs gehört sich noch vollständig selbst. Die anderen sechs Vereine haben entweder strategisch Anteile abgegeben, sind an der Börse oder sind Werks- bzw. Investorenklubs. Andere Teams wissen, dass sie nachziehen müssen, wenn sie den Anschluss nicht verlieren wollen. Nur Gladbach schaffte es in den letzten Jahren durch rein sportlichen Erfolg wirtschaftliche Vorteile zu schaffen, die man in infrastrukturelle Unabhängigkeit und wiederum in sportliche Leistungsfähigkeit investieren konnte. Der Rest? Rutschte immer tiefer in die sportliche Bedeutungslosigkeit und in die Fußball-Romantik ab, in der man sich dafür feiert, sich wenigstens noch selbst zu gehören, wenn man schon sportlich kaum mehr etwas zu feiern hat und keine Rolle mehr in der Liga spielt.

3. „Hasardeur-Mentalität“: Das gewollte Vergrößern der Kluft

„Das System befördert genau die falschen Anreize und schafft eine Hasardeur-Mentalität“, beklagte Rettig. Einerseits meinte er damit die verzweifelten Transfers potentieller Abstiegskandidaten, die sich – wie Bremen zuletzt – verschulden, Kaufpflichten für den Klassenerhalt eingehen und anschließend wirtschaftlich nur noch schwächer dastehen. Andererseits sieht man klare Anzeichen für versuchte Plünderungen der wirtschaftlich angeschlagenen Klubs. Die Großen kaufen den Kleinen ihre Topspieler weg und versuchen die Preise klein zu halten, um auch die Konkurrenten klein zu halten. Hertha BSC, so heißt es, will mit seinen frischen Millionen gezielt auch Bundesliga-Konkurrenten die Spieler abwerben, wie in Köln Jhon Cordoba. Andere wie RB Leipzig lachen sich schon länger ins Fäustchen, machen ihre Deals mit Salzburg und umgehen jegliche Regularien der DFL, die angeblich einen gerechten Wettbewerb ermöglichen sollen. Und wenn es nötig wird, werden ihnen 100 Mio. Euro Schulden erlassen. Davon können Klubs wie Schalke oder Köln nur träumen. Die Topklubs tun alles, um die Kluft zu ihren kleineren Konkurrenten aus den niederen Tabellenregionen noch größer werden zu lassen. Das Ziel ist klar: Je mehr sie die Vereine aus der unteren Tabellenhälfte schwächen, desto einsamer wird ihr eigener Kampf um die Europa-Plätze und desto seltener stößt mal ein Klub als Überraschung von unten in diese Phalanx vor.

4. Corona offenbart die Krankheiten des Systems

Die Corona-Krise hat diesen Klubs sogar noch eine Hilfestellung geliefert. Vereine wie Schalke, Köln, Bremen oder Mainz sind ungleich härter von den Einnahmeverlusten betroffen als Werksklubs, bei denen Verluste vom Mutterkonzern getragen werden, oder von Investoren-Klubs, bei denen einfach frisches Geld nachgeschossen wird. Zudem sind diese Klubs weniger von Zuschauereinnahmen abhängig, da Leverkusen, Wolfsburg oder Hoffenheim vor deutlich weniger Menschen spielen als andere Klubs. Und jene, die mit ihren großen Stadien große Verluste einstreichen (Bayern, Dortmund), haben sich in den letzten Jahren durch das bekannte TV-Gelder-Ungleichgewicht einen finanziellen Vorteil erarbeitet, der solche Verluste nun kurzfristig abfedern kann. Wehrle nannte es „eine berechtigte Befürchtung“, dass die Corona-Krise die Schere noch größer machen wird. „Gerade durch Corona besteht die Gefahr, dass Klubs, die Investoren als Fundamente haben, gerade jetzt noch einmal mehr investieren werden als ohnehin geplant, um sich einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen.“ Überdies hat die Corona-Krise offenbart, wie knapp fast alle Bundesligisten seit Jahren kalkulieren. Jeder Cent fließt in den Kader, in Transfers, in Millionengehälter. Rücklagen gibt es kaum, lieber bedienen sich zahlreiche Klubs beim Staat in Form von Kurzarbeitergeld oder Krediten mit Landesbürgschaften. Die Hoffnung der kleineren Klubs ruht nun auf der Task Force der DFL zur Erarbeitung neuer Strukturen für einen nachhaltigeren und gerechteren Fußball. Doch wie ist es wirklich um Solidarität und den Gedanken bestellt, einen faireren Wettbewerb herzustellen? Diese Frage wurde wohl in Problem 3 beantwortet.

5. Die Träumereien: Eigene Liga für Vereine?

Dass über Abspaltungen oder die Schaffung neuer Ligen diskutiert wird, ist nicht neu – national wie international. Dass der Bayern-Präsident Herbert Hainer nun aber erklärte, man könne auch darüber nachdenken, Zweitvertretungen von Klubs bis in die Zweite Liga aufsteigen zu lassen, war eine Stoßrichtung, die man länger nicht gehört hat. Als Drittliga-Meister mit dem FC Bayern II kam diese Anregung nicht ganz zufällig. Daraus folgt nicht zwangsläufig, dass dies bald ernsthaft diskutiert werden wird. Das Denkmodell beinhaltet aber Facetten, die zeigen, in welche Richtung bei so manchem reichen Klub gedacht wird. Denn freilich würde eine solche Regelung den Verdrängungswettbewerb für die kleineren Klubs nur noch erhöhen. Andere Stimmen wiederum gehen radikal in die entgegen gesetzte Richtung. Sie richten sich daran aus, dass die DFL eigentlich klare Regelungen aufgestellt hatte, gegen die so mancher Klub – unter gütiger Mithilfe der DFL – verstößt. „Dann kicken wir eben in der Bundesliga, die anderen sollen dann ihre eigene Liga gründen“, sagte Christian Streich der Süddeutschen Zeitung. „Wichtig ist, dass die 50+1-Regel bleibt.“ Nur müsste sich dann auch jeder an die 50+1-Regelung halten. Doch wie diese aufgelöst wird, sieht man gerade wieder in Berlin. Die Hertha verkauft mehr und mehr seiner Anteile, gibt nur vor, weiterhin 50+1 der Stimmrechte zu behalten, während Lars Windhorst über 50 Prozent der Anteile hält. Wer glaubt, dass Windhorst sich damit abgeben würde, wurde bereits zu Zeiten Jürgen Klinsmann eines besseren belehrt. Und wer sehen will, wohin dies auch führen kann, findet bei 1860 München Antworten. Die 50+1-Regelung ist längst hinfällig. Die Frage ist nur, wann dies auch offiziell wird – und was sich dadurch verändern wird, auch für den 1. FC Köln.


Die neue GBK-Serie „Corona, Finanzen und Investoren“ beleuchtet den Streit um das Geld in der Bundesliga und zeigt auf, welche Wege dem 1. FC Köln in Zukunft offen stehen. Die nächste Folge erscheint am Samstag. 

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